Selbstwert und Leistung

Unser Selbstbild spielt eine entscheidende Rolle im Umgang mit ‚Prüfungssituationen‘. Wenn wir uns z.B. in einem Rollenspiel ‚auf der Bühne einer Fortbildungsveranstaltung‘ beweisen müssen – dann treten dabei sehr leicht Ängste, Scham und andere hemmende Emotionen spontan auf.

Selbstbilder entstanden und entstehen einerseits a) aus eigenen Erfahrungen – Erfolgen und Misserfolgen, und andererseits b) aus Rückmeldungen von Bezugspersonen zu uns als Personen. Die Art und Weise, wie wir uns selber sehen und werten, wird beeinflusst von der Vorstellung, was andere von uns halten könnten. Wir alle haben alte oder neuere seelische Wunden, die verbunden sind mit Angst, Wut, Schmerz, Scham, Gefühl von Ungenügen. Werden diese Wunden berührt, so kommen die dazugehörigen Emotionen wieder hoch.

Öffentliche Bewertungssituation mobilisieren nun sehr leicht das Gefühl von Ungenügen und Beschämung. In Trainingssituationen kann unser Selbstbild (durch Feedbackprozesse) in Frage gestellt werden, und wir uns damit massiv ‚beschämt‘ fühlen.

Durch das Gefühl: «ich müsste mehr können», wird der Anspruch an mich selber in immer unrealistischere Höhen geschraubt, und gleichzeitig merken wird, dass wir diesen überzogenen Ansprüchen nicht genügen können. Je besser unsere tatsächliche Leistung in solchen Situationen ist, desto höher werden die Ansprüche an uns selbst, und desto größer das Gefühl zu versagen: wir haben uns in einen zwanghaften Perfektionismus hinein gesteigert.

Einer solchen fatalen Bewegung (fatal, weil sie lernen fast völlig verhindert) kann man am besten dadurch vorbeugen, indem man nicht die ‚beste Performance‘ anstrebt und zur Norm macht, sondern Leistungen, ‚die gut genug‘ sind (‚Weniger ist oft mehr‘).

Gut genug? Was ist damit gemeint?

Es geht dabei primär um das Entkoppeln von Selbstwert und Leistung. Leistungen müssen bestimmte Qualitätsstandards erfüllen, der Wert unseres Selbst ist aber davon nicht betroffen. Das kann man aber nur glauben, wenn man sich klar machen kann, dass die Bilder, die man von sich macht, also unsere ‚Selbstbilder‘, nicht unser ‚wahres Selbst‘ sind – sondern eben nur ‚Bilder‘ dieses Selbst. Was ist dann aber unser ‚wirkliches‘ und ‚wahres‘ Selbst, von dem wir uns Bilder machen?

Das ist das Erste, was in Trainingssituationen zu lernen ist: ICH bin nicht meine Leistung. Mein WERT als Mensch ist nicht abhängig von Aussehen, Alter, Status, Einkommen, etc. All diese Eigenschaften gehören zu meinem Selbstbild, ja, sehr richtig – aber ich bin nicht dieses Selbstbild (denn es ist ja nur ein Bild von etwas, das mein ICH ausmacht). Also diese SELBSTDISTANZ ist das Erste, was man in Trainingssituationen lernen muss, wenn man in ihnen lernen will. Wenn ich voll mit meinem Selbstbild identifiziert bin, wie sollte ich dann Feedback geben und nehmen können? Dann wäre Feedback ja nur in Form von ‚Schmeichelei‘ oder ‚vernichtender Kritik‘ möglich (und viele Menschen, die an ihren Selbstbildern kleben, erleben Feedback auch genauso).

Ich als Person bin einmalig, unvergleichlich, einzigartig. Mich gibt es nur einmal. Ich bin auch nicht vollständig beschreibbar, und niemand kennt sich und andere ‚ganz und gar, mit Haut und Haar‘ – wir haben viele ‚verborgene Seiten‘ (auch ‚blinde Flecken‘ genannt), und in diesen unbekannten Gebieten schlummern unsere ‚Stärken‘ und ‚Schwächen‘. Wenn wir tatsächlich lernen wollen (neue Fertigkeiten erwerben), dann müssen wir uns unserer ‚Stärken‘ und ‚Schwächen‘ bewusst werden, und wissen, wohin wir wollen. Und mit der Definition des Wohin, des Leistungsstandards, legen wir fest, was ‚gut genug sein‘ bedeutet. Gut genug in einer bestimmten Leistungssituation. Dieses Maß bezieht sich aber nur auf unser Wissen und Können, nicht auf den Wert unserer Person.

►► Und genau hier liegt die Crux – wir sind im ‚Normalfall‘ nämlich stolz auf unsere ‚guten‘ Leistungen und genieren uns für unsere ‚schwachen Leistungen‘ (Versagen). Wir sind vollständig mit unseren Selbstbildern identifiziert! Und wir vergessen damit, dass wir tatsächlich einmalig, unvergleichlich, einzigartig sind.

Was bin ich also?

ICH BIN – mein Potential, das was mir möglich war, was mir derzeit und zukünftig möglich ist. Mein Selbstbild bezieht sich aber nur auf meine Vergangenheit, und wenn ich daran festhalte, dann bestimmt meine Vergangenheit meine Zukunft, das was ich künftig für mich als möglich und wünschenswert erachte. Aber mein Selbstbild bildet nicht einmal meine tatsächliche Vergangenheit ab, es besteht nur aus meinen bewusst abrufbaren Erinnerungen der Vergangenheit (was aber nur ein lächerlicher Bruchteil dessen ist, was ich in der Vergangenheit tatsächlich erlebt habe!).

Um lernen zu können, dürfen wir also unsere Selbstbilder nicht so ernst nehmen. Müssen wir lernen, sie ‚einzuklammern‘, d.h. lernen, zwischen uns als ‚tatsächlichem Potential‘ und uns als ‚verfertigen Bilder unsere Potentials‘ zu unterscheiden.

Wie macht man das?

So, wie wir es hier gerade tun: Indem man sich verdeutlicht, dass man weitaus mehr und anderes ist, als man sich selbst und anderen über sich gewohnheitsmäßig erzählt. Niemand weiß, was in der Vergangenheit tatsächlich alles passiert ist, niemand weiß mit Bestimmtheit, was die Zukunft bringen wird. Und die Gegenwart ist die Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft. – Wir aber reduzieren die Fülle unserer tatsächlichen Möglichkeiten auf unsere zufällig entstandenen Selbstbilder.

Lebensglück besteht aber genau darin, dass ich mein Potential tatsächlich lebe, aus der Fülle meiner Möglichkeiten heraus lebe, sie ‚auslebe‘ (denn niemand ist ‚fertig‘, außer er macht sich selber ‚fertig‘): Dann ist aber auch mit Sicherheit ‚gut genug‘, was immer ich gerade tue.

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