Unter der Oberfläche tobt heimlich gegenseitige Verachtung

Aus Arno Gruen, Der Verrat am Selbst: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau.

„Diese Arbeit vermittelt dem Leser eine Theorie über Autonomie, in der das Autonom-Sein sich nicht aus Ideen über die eigene Bedeutung oder der Notwendigkeit für Unabhängigkeit entwickelt, sondern aus den Möglichkeiten des ungehinderten Erlebens der eigenen Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse. Solch eine Erfahrung bestimmt die Einheit oder die Spaltung einer Persönlichkeitsentwicklung.

Die Art der persönlichen Integration – oder ihr eigentlicher Mangel – ist eine Folge der Entwicklungsmöglichkeiten für Autonomie, die in der Lebenssituation enthalten sind. Eine Fehlentwicklung der Autonomie wird dadurch zum Kern des Pathologischen und letzten Endes des Bösen im Menschen.

Das Ringen um Autonomie fördert die Lebendigkeit. In dem Grad, in dem der gesellschaftliche Sozialisierungsprozeß aber Autonomie blockiert, wird dieser Prozeß selbst Erzeuger des Bösen, das er zu verhindern sucht. Wenn die Liebe der Eltern sich so entstellt, daß sie Unterwerfung und Abhängigkeit fordert, um sich bestätigt zu fühlen, dann wird gesellschaftliche Anpassung zu einer Probe der Gehorsamkeitsleistung. Das daraus resultierende Streben bringt den Verlust der wahren Gefühle mit sich. Der Mensch wird zur eigenen Quelle des Bösen. Das Paradoxe unseres Seins jedoch ist, daß das Versagen der Autonomie auch ein Nicht-Versagen darstellen kann. Autonomie kann nämlich in den Untergrund gehen und sich durch Unterwerfung und Unterwürfigkeit, durch das Sich-dem-Willen-eines-anderen-Ausliefern, verstecken. Darin liegt Hoffnung.

Im ersten Kapitel dieses Buches stelle ich den Sachverhalt der Autonomie dar; im zweiten versuche ich zu zeigen, wie unser Hang zur Abstraktion den natürlichen Drang zur Autonomie verschleiert und verkümmert; im dritten ist es mein Ziel auszuführen, wie dies zur Quelle des männlichen Bedürfnisses, die Frau zu unterdrücken, führt, aber auch zu seiner eigenen Entmenschlichung. Das vierte Kapitel handelt davon, wie all dieses wiederum dem Menschen seinen Zugang zur eigenen Vergangenheit reduziert, wodurch er immer mehr der willkürlichen Stimulation ausgeliefert ist – er wird stimulusgebunden und roboterähnlich. Im fünften Kapitel untersuche ich, wie die Vereitelung der Autonomie zur seelischen „Pathologie“ führt und gleichzeitig unserer Sicht den Wahnsinn des Machtstrebens verhüllt. Das sechste Kapitel letztlich handelt von der Vorstellung, mit der wir aus Moralität eine Frage der Konzeptionsbegriffe machen, während wir das Böse als direkt aus der menschlichen Natur hervorgehen sehen. Dieser Sachverhalt fördert die Flucht ins Image und in verfälschte Gefühle, führt zum Mangel an einem autonomen Selbst und erzeugt Menschen, die das Leben zerstören.
Dieses Buch ist in der Hoffnung geschrieben, diejenigen, deren Sicht in einer Welt der Konformität und Anpassung immer noch für andere menschliche Welten offen ist, in ihrem Sein zu stärken. Ich möchte damit etwas dazu beitragen, der gefühlsbetonten Welt – im Gegensatz zum Denken und Verstehen, das vom Fühlen abgespalten ist – ihren rechtmäßigen Platz in unserer wissenschaftlichen Welt zurückzugeben.

Ich habe dieses Buch aus meiner 35jährigen Erfahrung mit der Psychotherapie geschrieben. Deswegen möchte ich hier denen meinen Dank ausdrücken, die ein Teil meines Erlebens und Lernens waren und noch immer sind: Meine Patienten und Studenten hier und in den USA; meine Lehrer und Freunde, insbesondere Gustav Bychowski, Thomas N. Jenkins, Theodore C. Schneirla und Henry Miller. Das Unverfälschte und die Lebendigkeit des letzteren waren mir zu meiner menschlichen Reife besonders wichtig, wie auch der Scharfsinn und die Originalität des Denkens von Schneirla. – Von meinen Töchtern Margaret und Constance, mit ihrem kämpferischen und lieben Geist, habe ich viel gelernt. Sie sind mir ein Vorbild für das Ringen um Autonomie.

Meinen besten Dank möchte ich Claus D. Eck, Claudia M. von Monbart und Franz Wurm für ihre sprachliche Bearbeitung meines Textes ausdrücken. Für die erste Ausgabe hatte ich Hilfe von Ruth von Blarer. Ihre Einfühlungsgabe für mein Anliegen und ihr Gefühl für die Bedürfnisse des Lesers machten die Arbeit mit ihr zu einer anregenden Erfahrung. Ich danke ihr herzlich dafür. Für die sprachliche Durchsicht der dtv-Ausgabe bin ich meiner Lektorin Ulrike Buergel-Goodwin sehr verbunden. Der Text wurde klarer.

Die Sucht nach Macht

Die Sucht nach Macht zerstört die Seele des Mannes. In seinem blinden Beharren darauf mindert er sich selbst und die Frau, die er dazu braucht, herab, um sein Image des Mächtigen zu bestätigen. Es ist dieses Image, das – bewußt oder unbewußt – zum Sinn seines Seins geworden ist. Echte Liebe kann nicht entstehen, da niemand da herausgefordert werden möchte, wo er sensibel ist. Nur das, was jenes Image bestätigt, wird zum Annehmbaren innerhalb einer menschlichen Beziehung. Das Selbst, das einem jeden möglich gewesen wäre, wird gehaßt, weil es auch das Erleben der Hilflosigkeit und des Leidens umfaßt. Echte Verpflichtung, echtes Erkennen des anderen und sich selber werden vermieden. Wir leben Scharaden, und wenn diese nicht funktionieren, werden wir wütend und töten.

Wir sind dauernd auf der Suche nach Helden. Und wenn der, den wir zu unserem Helden (oder unserer Heldin) gemacht haben, zum realen Menschen wird, verlassen wir ihn (oder sie). Wir verachten ihn fortan. Dabei merken wir gar nicht, daß wir uns, der Logik unseres Verfahrens nach, durch den „Verlust“ geschwächt fühlen – dem Tode nahe. Die hintergründige Depressivität und Verzweiflung in unserer vordergründig so strahlenden Kultur sind untrügliche Anzeichen dafür.

Als Männer verherrlichen wir die gefällige und zuvorkommende Frau, ohne je zu begreifen, daß der Preis, den wir dafür zahlen müssen, eine unvermeidliche Enttäuschung und Kränkung ist. Männer wünschen sich Wärme von Frauen, fürchten sich aber gleichzeitig davor. Also begnügen sie sich mit einer Fälschung: Sie lassen sich zur Größe antreiben. Anstelle warmer Geborgenheit und offener Mitmenschlichkeit wird die Beziehung zur Frau zum Nährboden, auf dem permanent gesteigertes Selbstbewußtsein, unendliche Größenphantasien und geheime Überlegenheitsansprüche gedeihen. Das Komplott dieser unterschwellig gefälschten Liebe vermindert die Angst vor der wahren Liebe. Wir brauchen dann nicht zu fürchten, von unserem Bedürfnis nach Liebe gefangen zu werden. Die Frauen werden ebenfalls in dieses Spiel eingefangen und machen mit. Ich denke an Alma Schindler (Mahler), die sich durch Gustav Mahler, Walter Gropius, Oskar Kokoschka und Franz Werfel verwirklichen wollte. Das Tragische war, daß sie dessen gar nicht bedurft hätte, da sie genug eigene Kraft besaß.

Es ist das Image der Stärke, der Entschlossenheit, der Macht und Furchtlosigkeit, des Wissens und der Kontrolle, ein Image ohne Angstgefühle oder Schuldbewußtsein, in dem ein Mann seine „Persönlichkeit“ findet. Nur durch die Entwicklung dieses Image kann er sich selbst erspüren. Nicht was er wirklich fühlt oder fühlen könnte, wird entscheidend für ihn, sondern ein Image – also eine Abstraktion, eine Metaphysik des Heldentums –, in dessen System und Logik er sich bewegt und fühlt. Es ist dieses Denken, das letztlich dem Vermeiden der Wirklichkeit gewidmet ist und uns lenkt.

Wie sieht nun diese Wirklichkeit aus? Eine Gefühlswelt, die durchsetzt ist mit Erfahrungen der Unzulänglichkeit, Hilflosigkeit, des Leids, der Verzweiflung und der Angst vor dem Versagen. Eine Welt, in der Gefühle der Ohnmacht und der Wut ständig auf Unverwundbarkeit und Unanfechtbarkeit ausgerichtet sein müssen. Nicht alle von uns, und nicht alle, die solche Gefühle zulassen, werden in ihrem Verhalten davon bestimmt. Aber: Was geschieht, wenn wir (wohl die Mehrheit) zulassen können, wie leicht wir uns verachtet und beleidigt fühlen können!

Natürlich besteht die Wirklichkeit der wahren Gefühlswelt auch aus anderen Erlebnisinhalten: Freude, Ekstase, Mut und Trauer. Aber ich rede nicht von der Freude, die sich einstellt, wenn man einen anderen überrundet hat, oder der Ekstase, die ein erfolgreicher Wettbewerb auslösen kann; also all jene Erlebnisse, die schon selber einer „aufgesetzten“ Realität entspringen: die Notwendigkeit, erfolgreich zu sein, um dem Versagen zu entkommen. Ich spreche von der Freude, die auf Mitgefühl beruht: die Freude an der Entwicklung, des Wachsens eines anderen, sogar einer Pflanze; das Miterleben von Freude und Leid. Und: Es ist diese Art des Erlebens, die zu der Kraft führt, die nicht auf ständige Selbstbestätigung angewiesen ist. Diese ist ja nur das Spiegelbild der Furcht, ein Versager zu sein! Gegen diese Möglichkeit kämpft man und merkt gar nicht, daß man mit dieser Art Kraft in ständiger Gefahr ist, sie das nächste Mal zu verlieren. Hingegen die Kraft, die aus dem Erleben des Leids, des Kummers, der Hilflosigkeit, des Krankseins, des bitteren Schmerzes kommt, diese Kraft hat mit jenem transzendenten Erleben zu tun, das zur inneren Stärke führt. Diese Kraft ist nicht bedingt durch äußere Macht und deren ständige Bestätigung.

Es ist also der Zwang zum Macht-Image, der uns immer wieder vom Erleben der wahren Wirklichkeit abhält – mit allen verheerenden Konsequenzen! Dieser Zwang führt zu einem irrationalen Leitbild des „wirklichen“ Mannes und der „richtigen“ Frau, das uns nicht nur immer mehr von unseren echten Möglichkeiten trennt, sondern uns letztlich auch in die Selbst-Zerstörung stürzt.

Bei den Ituri im Regenwald des Kongo (Turnbull, 1961) gibt es keine solchen metaphysischen Modelle des Seins. Sie sind sich derer zwar bewußt, aber verulken sie. Dadurch gibt es keine Unterschiede in der Empfindsamkeit zwischen den Geschlechtern. Zärtlichkeit, Freude, Kummer, jegliche Leidenschaft werden gleichermaßen geteilt und ausgedrückt. Und da sich Männer hier nicht mit metaphysischen Begriffen ihrer „Männlichkeit“ sichern und vergleichen müssen, wie es der englische Anthropologe Geoffrey Gorer (1966) beobachtete, scheint es bei ihnen keine Homosexualität zu geben, die bei uns ständig latent vorhanden ist: Jeder Mann verdächtigt sich selbst und muß sich beweisen, daß er es nicht ist – ein Beweis für die allgegenwärtigen Zweifel an unserer Zulänglichkeit als Männer. Wenn Männlichkeit zarte Gefühle verbietet, muß man die eigene Sehnsucht danach von sich abweisen. Indem sie auf einen anderen Menschen projiziert wird, kann man sie nun verneinen und auch im anderen bekämpfen.
So entscheidet jene Metaphysik unser Leben, unsere Beziehungen, unsere Gewalttätigkeit und am Ende unseren sich daraus ableitenden Drang zur Selbst-Zerstörung. Dieser muß sich entwickeln, denn das oft unbewußte Gefühl der Ohnmacht, das aus den Verzerrungen echter menschlicher Möglichkeiten in uns entsteht, erzeugt Wut. Wut, von deren Ursprung wir nichts wissen, kehrt sich unweigerlich gegen uns selbst oder den anderen – als Spiegelbild unseres Selbst.

Leider werden diejenigen zu unseren Führern, die die Idealvorstellungen, die wir uns von Männlichkeit machen, am besten verkörpern. Viele Frauen unterliegen ebenfalls dieser Faszination und zwingen dadurch ihre männlichen Partner, an jenen „Idealen“ festzuhalten. Beide fürchten das Innere und strafen diejenigen mit Verachtung, die nach der Wahrheit suchen. Ein unter Umständen tödliches Verhängnis: Der Männlichkeitswahn – oft unterstützt von Frauen – produziert Kriege und erbarmungslosen Konkurrenzkampf, wobei der Herzinfarkt nur eine Form der Selbstvernichtung ist.

Männer sind in einem Dilemma. Sie fürchten die Frau, die ihnen doch so wichtig für ihre eigene Selbstbestätigung ist. Wir bedürfen der Illusion, eine Frau zu besitzen, um unsere Einmaligkeit zu beweisen, um unsere Überlegenheit anderen Männern gegenüber zu bestätigen. Und doch geben wir Frauen insgeheim der Verachtung preis, um zu verbergen, wie wir ihren Wert mißbrauchen und um untereinander zu triumphieren. Diese Verachtung wird oft zum Zement der Beziehung zwischen Männern. Gemeinsam halten wir die Frau für unterlegen. Und doch wollen wir unter allen Umständen von ihr akzeptiert werden – und das als völlig fehlerlose Helden.

Wie kann es aber unter solchen Umständen wahre Intimität geben? Ihre Basis ist die Ebenbürtigkeit. Wie können wir sie erreichen, wenn wir uns an jedem Punkt unserer Begegnung, in der Tiefe unseres Seins, ungenügend, überlegen und/oder schuldig fühlen? Ungenügend, weil wir zuinnerst gar nicht wirklich an unseren Mythos glauben; überlegen, weil wir uns mit unserem Mythos betrügen wollen; und schuldig, weil unsere faktische Verachtung der Frau unsere Abhängigkeit von ihrer Anerkennung und Bewunderung leugnet und unsere Überheblichkeit genau das verdeckt. Aber das ganze Elend des männlichen Zwangs zum Triumph wird in bestimmten Phantasien dieser Männer beim Liebesakt deutlich. Diese Phantasien sind oft völlig apersonal, aggressiv und reduzieren die Frau zum beliebigen, passiven Objekt. Warum können viele Männer Sex nur mit einer Frau genießen, die ihre Sexualität verkauft oder mit der ihnen eine Huren-Phantasie möglich ist? Indem Männer Frauen verachten, können sie sich der echten Intimität mit ihnen entziehen, die sie ja fürchten, da sie an ihrer eigenen Zulänglichkeit zweifeln und selber nicht glauben, daß man sie kritiklos akzeptieren könnte. Es scheint mir, daß wir Männer aggressive sexuelle Phantasien brauchen, um uns über unsere Gefühle der Unzulänglichkeit hinwegzuhelfen.

Zwang zur Leistung ist das Kreuz des Mannes. Dadurch entsteht sein unersättliches Bedürfnis nach Lob und Beifall, was wiederum die stets gegenwärtige Angst vor dem Versagen beim nächsten Leistungsanspruch mit sich bringt. In The Way Of All Flesh (Der Weg allen Fleisches) versucht Samuel Butler, der englische Schriftsteller und Satiriker des letzten Jahrhunderts, uns das klarzumachen, wenn er Edwards Vater sagen läßt:

Wir dürfen Männer nicht so sehr nach dem beurteilen, was sie tun, als nach dem, was sie uns fühlen lassen, was sie in sich haben … Ich will einen Mann nicht nach dem einschätzen, was er tatsächlich auf seine Leinwand gemalt hat, noch nach dem, was er sozusagen auf der Leinwand seines Lebens dargestellt hat, sondern nach dem, was er mich hat spüren lassen, was er gefühlt und worauf er gezielt hat. (Butler, 1950)

In seinem Essay zum 100. Todestag Goethes drückte es Ortéga y Gasset etwas anders aus:

Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein heißt nicht ertrinken … Das Gefühl des Schiffbruchs, da es die Wahrheit des Lebens ist, bedeutet schon die Rettung. Darum glaube ich einzig an die Gedanken Scheiternder. (Ortéga y Gasset, 1934)

Leider zählt innerhalb unseres konventionellen Werte- und Normensystems nicht, wer wir in unseren Gefühlen sind, sondern lediglich das, was wir auf „erfolgreichen“ Laufbahnen erreichen. Danach werden wir gemessen; danach beurteilen wir uns auch selbst. Erfolg ist der Maßstab, an dem der Mann gemessen wird, nicht seine Fähigkeit zu lachen, zu spielen oder zärtlich zu sein. Aber dieser Erfolg gründet letztlich auf dem Versagen eines anderen. Diese Lektion fängt im Elternhaus an, wird in der Schule verstärkt, so daß wir dann mit dem Erwachsensein von einem internalisierten Alptraum gezeichnet sind: Um in unserer Kultur erfolgreich zu sein, mußt du lernen, vom Versagen zu träumen. Der amerikanische Soziologe Jules Henry dokumentiert diesen Vorgang mit Schärfe und Schmerz in seinem Buch Culture Against Man (Die Kultur gegen den Menschen, 1963).

Das trifft Frauen und Männer gleichermaßen, aber mit einem Unterschied. In unserer Kultur haben die meisten Männer keine Chance, der Notwendigkeit zu entweichen, ein Sein aufzubauen, das nicht von der Metaphysik des Erfolgs und der Leistung bestimmt wird. Und da sie uns zu einem scheinbar adäquaten Gefühlsbereich verhilft, wird sie zu unserem Bedürfnis. Für Frauen jedoch bietet sich eine andere Möglichkeit in ihrer Entwicklung. Indem es fast von Geburt an zum zentralen Thema für sie werden kann, ein potentieller Träger des Lebens zu sein, kann dieses reale Ziel der Entstehung eines Lebewesens – und damit der Möglichkeit, es offen zu genießen, an seinen Schmerzen, Leiden, Freuden und Ekstasen teilzunehmen – zum zentralen Punkt des eigenen Leitbildes werden. Auf diesem Weg können Gefühle, die mit realem Leben verbunden sind, zu einem Sinn des eigenen Seins beitragen, der nicht auf Abstraktionen beruht.

Die meisten von uns Männern jedoch bauen, da wir nicht die Gnade einer vergleichbaren Determination fürs Leben und die Lebendigkeit haben, einen Lebenssinn auf, dessen Wege uns von der Freude, der Erwartung von Schmerz und Ekstase in der Erzeugung eines Lebens trennen.

Diese Wege führen auch dazu, daß wir unsere Ängste nicht zulassen können. Im Gegensatz zur Frau, die bei den Ängsten und Verzweiflungen ihres Kindes verweilen darf, wird für uns das Herrschen zum Mittel, die Angst zu verdrängen. Dadurch sind wir aber einer Angst vor der Angst ausgesetzt, die uns nie die Gelegenheit gibt, zu erfahren, daß die Ängste, die man auf sich zukommen läßt, hingenommen werden können und nicht als bedrohliche Niederlage zu fürchten sind. Die Angst vor der Hilflosigkeit bedeutet dann nie, daß man in einer gewissen Situation einfach hilflos ist. Hilflosigkeit ist nicht einfach gleichzusetzen mit völliger Ohnmacht und Versagen. Hilflosigkeit bedeutet die Anerkennung der Grenzen unseres Einflusses, die Fähigkeit, es zu ertragen, auf jemanden oder auf etwas angewiesen zu sein.

Verhindert wird diese Erfahrung aber deswegen, weil uns eingeprägt wurde, jede Hilflosigkeit als Schwäche zu brandmarken. Wir lernen jede Form der Hilflosigkeit als Herausforderung zu betrachten, die zur Schwächung des eigenen Selbst führen könnte. Auf diese Weise kann man den anderen nicht als Ebenbürtigen erkennen. Der alte Cato, der uns in der Schule als Beispiel eines moralischen und pflichtbewußten Bürgers Roms überliefert wurde, illustriert den Irrsinn eines Herrschens, das die Angst verstärkt und wahre Beziehungen zwischen Frau und Mann und zwischen Männern unmöglich macht. Im zweiten Jahrhundert vor Christus rief er alle Männer auf, Frauen zu unterdrücken, denn: „… sobald sie die gleiche Möglichkeit haben, erweisen sie sich als überlegen.“ (Zitiert in: Fester, 1979)

Der Preis für ein Leben mit dieser Gewaltsamkeit ist ein ständig nagender Zweifel, weil man etwas in seinem Innersten als Fiktion beargwöhnt. Es ist die Fiktion der Überlegenheit, eine Lüge, die allen unseren Beziehungen Gewalt antut, sei es zu Kindern, Frauen, Tieren, zur Natur oder zu uns selbst. Männer und Frauen leben im Bann dieser Fiktion. Und da sie Haß in beiden entzündet, zerstören sie sich gegenseitig. Männer werden reizbar, zornig und bösartig, weil sie ständige Angstträume von Niederlagen haben; Frauen zerstören ihn und sich selbst, indem sie den Mann an seinem Anspruch auf Heldentum festmachen.

Unter der Oberfläche tobt heimlich gegenseitige Verachtung, weil jeder Mann und jede Frau in ihrem Innersten wissen, daß es keinen Mann gibt, der nicht auch etwas von der Hilflosigkeit verspürt, die seinen Mythos widerlegt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum so viele sich in ihrer gegenseitigen Verachtung eigenartig wohlfühlen. Sie entspricht ihren eigenen wahren Gefühlen sich selbst gegenüber.

Um was geht es uns Männern eigentlich? Wie bewußt und wirklich sind wir? Fühlen wir uns nur vollkommen, wenn wir Kommando, Kontrolle und Besitz haben? Wenn wir für jemanden sorgen und bezahlen, gibt uns das die Zuversicht, daß wir geliebt werden. Zugleich bedeutet diese Fürsorge, daß wir über den anderen bestimmen. Indem er unsere Macht bestätigt, legt er auch unser tiefstes Minderwertigkeitsgefühl bloß.

Denn: Man wird geliebt für das, was man beweisen kann, für die Fürsorge – nicht für das, was man als Mensch ist. Es fällt uns schwer zu glauben, daß wir für unser Selbst, unsere eigene Gefühlswelt geliebt werden könnten, für unsere Wonne, Freude und Lust am Leben. Und so rutschen wir immer tiefer in eine Falle des Sich-beweisen-Müssens hinein. Die Fürsorge ist dann ein unausgesprochenes Abkommen, dem wir uns unterwerfen und dessen Preis ein geheimes Übelnehmen, ein Groll ist. Aber der Mechanismus der Falle verbietet es, die Sache beim Namen zu nennen. Das ganze Spiel würde damit preisgegeben.

Und so geschieht es, daß die Partner eines solchen Verhältnisses den unterdrückten Groll durch Erhöhung ihrer Forderung ausdrücken. Die, die sich dem anderen unterwerfen, weil er (oder sie) für sie sorgt, erhöhen ihren Einsatz. Das ist ihre geheime Macht. Und derjenige, der die Fürsorge leistet, erhöht seine geheime Verachtung. Er hat ja den anderen in seiner Hand. Der Trick ist, zu wissen, wie dieses Spiel zu spielen ist, ohne das ganze Gefüge zu gefährden. Wenn man aber seinen Willen durch solche Manöver nicht durchzusetzen vermag, dann stellt sich Wut ein. Und da man diese auch nicht direkt ausdrücken kann, weil es das gegenseitige In-der-Macht-des-anderen-Stehen sichtbar machen würde und jenes untergründige Spiel illusionärer Liebe zerstören würde, entwickelt man psychosomatische Störungen. So setzt sich zum Beispiel uneingestandene Wut in Kopfschmerz oder Migräne um. Das ist einer der Gründe, warum psychosomatische Störungen in unserer Gesellschaft zunehmen.

Und hier, im Kopfschmerz und in der Migräne, zeigt sich die tiefste Malaise der männlichen Ideen seiner Überlegenheit und der Notwendigkeit des Herrschens. Die daraus abgeleitete Formulierung des Selbst funktioniert nicht, und da man sich dies nicht eingestehen darf, kann der Mann sich und seine Welt nur zerstören. Er fürchtet, daß sich sonst alles auflösen würde. Und es stimmt insofern, als die „Gefahr“ der Vernichtung, der Auflösung unserer Persönlichkeit dann droht, wenn sie vorzugsweise auf Umgang mit Macht gegründet ist. Man fürchtet den Zusammenbruch des gegenseitigen Pakts, der Gefühlsmasche „wer über wen Sorge trägt“ und die Bloßstellung der darin enthaltenen beiderseitigen Selbsterniedrigung. Das gilt nicht nur in bezug auf Mann, Frau und Kind. Dies gilt für alle Beziehungen, denen Macht zugrunde liegt. Die Basis der darin enthaltenen Selbstachtung ist verzerrt. Wird das erkannt, so droht Auflösung, Chaos und ungeheure Angst. Eine Selbstachtung, die auf Macht basiert, hat im Grunde dafür nicht die Stärke. Die Quelle der Heuchelei, die uns zerstört, ist also in der Entwicklung unseres Selbst zu finden.

Wir haben Angst, neu anzufangen, uns zu ändern, weil wir nicht glauben, es könne uns jemand lieben, wenn wir wir selbst sind. Und so spielen wir die uns zerstörenden Spiele weiter und behaupten, daß jene die guten Lehrer sind – Psychotherapeuten eingeschlossen –, die uns beibringen, wie man es noch besser spielen kann. Wenn wir offen, aufrichtig und authentisch sein könnten – Psychotherapeuten eingeschlossen –, bräuchten wir zum Beispiel keine Kopfschmerzen zu haben.

Unser wahres Selbst, dasjenige, das wir hätten sein können, wird vom Szenarium der Macht verdeckt. Wir wurden in ihre Ausprägungen gepreßt, weil keiner uns in unserer Echtheit mochte. Kinder im ersten und manchmal bis zum zweiten Jahr erkennen noch die Wahrheit in ihrer nicht-verbalisierten Verzweiflung. Ich nenne es „nicht-verbalisiert“, weil die Erwachsenen sie nicht als solche erkennen, sie als Übellaunigkeit und Trotz verstehen. Es ist jener Widerstand, den sie in sich selbst vor langer Zeit hatten abtöten müssen, den sie jetzt bei ihren Kindern als Widerstand empfinden. Das ist das allgemeine Beispiel für Projektion in unserer Gesellschaft, die Projektion der Feindseligkeit und Aggression auf unsere Kinder.

Das Unglückselige daran ist, daß unabhängig von den Absichten unseres Herzens wir durch die Ideologie solcher verstümmelten Selbsts, das heißt der vorprogrammierten Arten des Liebens, die nicht Liebe sind, leben. Es gibt aber auch Menschen, die gleichsam ein Spiel im Spiel des Liebend-Seins spielen. Sie sind die wahrhaft bösen. Sie verbergen ihre Handlungen hinter Lügen und lavieren sich auf diese Weise durch. Da wir oft selbst durch unser Mitmachen darin involviert sind, können wir es uns meist nicht leisten, die Situation zu durchschauen. Darauf beruht der Erfolg von Psychopathen in unserer Zivilisation. Sie als das zu erkennen, was sie sind, würde uns zwingen, uns mit dem zu konfrontieren, was sie parodieren: falsche Liebe. So leiten wir dann unsere Wut um auf jene, die wirklich versuchen, uns aus unserer Unwirklichkeit herauszuhelfen.

Ödipus als Ausdruck des männlichen Mythos der Macht

Dieser Verrat an dem, was wir sein könnten, ist die Grundlage unserer allgemeinen vernichtenden Kräfte. Er wird durch die Beziehung zu unseren Müttern bestimmt. Das zu sagen heißt nicht, die Mütter anklagen. Sie dienen in dieser Hinsicht nur als Bindeglied zu den Vätern und der Gesellschaft, in der das „Selbst als Ausdruck von Macht“, als einzig lohnende Realität, Geltung hat. Diese „Realität“ bestimmt das Bedürfnis der Mütter, des Kindes Abhängigkeit auszunützen. Die Unterdrückung der Frau führt dazu, daß insbesondere dann, wenn sie selbst von dieser Ideologie beherrscht ist, sie Erleichterung und Ersatz für die Enttäuschung und das Defizit an Selbstverwirklichung in ihrer Beziehung zu ihren Kindern suchen wird. Sie mag dann selbst Macht in extenso über und durch ihr Kind suchen, aber es geschieht auf Wegen, die diese dominierende Absicht verbergen. Sie wird ihr Kind „lieben“, weil es sich als Werkzeug ihres eigenen Macht-Willens gebrauchen läßt. Was daraus entsteht, wird durch den „Mythos“ des Ödipus verherrlicht und verborgen. Verherrlicht, weil des Kindes Verzweiflung als Liebe besungen wird; verborgen, weil es in Wahrheit um Macht und nicht um Liebe geht.
Es ist weder Liebe noch Sexualität im engeren Sinn, was ein Kleinkind versuchen läßt, seine Mutter zu besitzen. Es ist vielmehr ihre – oft unbewußte – Ablehnung seiner eigenen Authentizität. Das Verlangen, das Kind als Werkzeug mütterlicher Macht zu gebrauchen, bewegt das Kind dazu, sich an die Mutter zu klammern, sie zu besänftigen oder zu beherrschen oder ihr zu dienen.

Die tiefste Verletzung, die einer Mutter in unserer Gesellschaft angetan wird, ist nicht nur ihre Unterdrückung, sondern ihre Anpassung an den männlichen Mythos seiner Überlegenheit und die Annahme ihrer eigenen Wertlosigkeit. Insoweit die heutige Frauenbewegung Gleichberechtigung als Recht versteht, genauso schlimm zu sein wie die schlechtesten der Männer, verewigt sie des Mannes Herrschaft in neuen Formen. Noch schlimmer: Solche Frauen werden, indem sie die Kraft ihrer eigenen kreativ wirkenden Liebe verneinen, weiterhin Frauen und Männer erziehen, die ihrerseits ihre eigene wahre Stärke zurückweisen und sich für rücksichtslose Entfaltung ihrer Macht entscheiden werden. Das ist es, was Ödipus wirklich verkörpert: die ursprüngliche Verletzung, die sich zum Streben nach Dominanz verwandelt.

Menschen, die uns als „neurotisch“ dargestellt werden, sind einfach immer noch relativ zurückhaltend in ihrer Machtgier. Entweder macht sie ihnen Angst, oder sie halten sie für falsch. Was oft als das „Durcharbeiten“ eines Ödipus-Komplexes in Psychotherapie oder Psychoanalyse gilt, ist die „Befreiung“ von Skrupeln, das Verstärken von Ehrgeiz, Wettbewerb und Macht. Die tiefen Verletzungen, die zu Gefühlen unakzeptabler Hilflosigkeit und Ängsten führten, können in einer Therapie, die der Ideologie der Herrschaft und der Macht verhaftet ist, nicht wirklich berührt werden. Aber nur solch eine Konfrontation führt zur verlorenen oder gefürchteten Menschlichkeit zurück. Das ist aber nicht möglich, solange dem Therapeuten seine eigenen Ohnmachtsgefühle – dem männlichen Mythos zuliebe – unerkannt bleiben, und es wird ihm unmöglich sein, den Patienten zu seinem eigenen Selbst zurückzuführen.

Die Angst vor der Lebendigkeit

Aber diese „Ödipus“-Situation verursacht noch einiges mehr. Indem sie Ausdruck des Besitzes und nicht der Liebe ist, erzeugt sie einen fundamentalen Betrug. Wieder ist es das männliche Begriffsschema des Besitzes als Macht, das darin zum Tragen kommt. Wird Besitzergreifen mit Liebe gleichgestellt, so wird der Frau die „Macht“ gegeben, diese „Liebe“ dem Mann zu schenken. Ein vielleicht überraschender Aspekt! Aber was verleiht der Mann eigentlich der Frau, indem er sie verherrlicht? Ist es nicht die Lebendigkeit und der kreative Lebensdrang, die er von sich selbst wegweist, weil er sie im Grunde fürchtet? Männer denken über sich selbst logisch, geordnet, ohne zu bemerken, daß solche Begriffe ihre Spontaneität erdrücken, vor der sie sich fürchten. Das Leben ist nicht logisch und nicht ordnungsgemäß. Das was lebendig ist, ist chaotisch. Das beunruhigt vor allem jene Männer, welche Chaos mit Hilflosigkeit gleichstellen. Und so haben wir die Fiktion des Penisneids, um nicht bemerken zu müssen, daß wir etwas von den Frauen wollen, nämlich jene Vagina zu beherrschen, die uns so lebendig erscheint, so strotzend von Lebenskraft. Dieser Neid ist eine uns selbst dienende Erfindung. Sie tarnt unseren Neid auf etwas, das sich uns entzogen hat und von dem wir glauben, daß Frauen es besitzen: Lebendigkeit und Kreativität. Und so müssen wir die Frauen besitzen, denen wir diese Kräfte verleihen, weil wir sie uns selber nicht zugestehen können.

Es gibt natürlich Frauen, die das, was sie sein könnten, verraten haben, indem sie die männliche Propaganda seiner Überlegenheit übernehmen. Es sind Frauen, die so tun, als ob sie jene Macht nötig hätten, die die Männer allein für sich beanspruchen. Und solche Frauen sind bereit, alles zu tun, um dieser „magischen Stärke“ durch ihre Sexualität habhaft zu werden. Nur hier, in diesem Zusammenhang, gewinnt der Penisneid Bedeutung. Aber von dem Moment an, in welchem diese Frauen ihren Mann besitzen, erleben sie ihn als erniedrigt. Da sie mit der Überlegenheit des Mannes zugleich seine Verachtung für Frauen erworben haben, können sie im Grunde nur sich selbst verachten. Dadurch wird alles, was sie besitzen, durch ihren eigenen Mangel an Selbstrespekt zwiespältig und kontaminiert.

In diesem Sinne gibt es Frauen mit Penisneid. Ihr Verlangen ist auf das gerichtet, was angeblich nur wir Männer besitzen: Macht. Freud machte aus diesem Phänomen eine treibende Lebenskraft. Er verwechselte den Phänotypus dieser Erscheinung mit dem Genotypus. Dadurch charakterisierte er Frauen mit einer Triebkonstellation, die eigentlich nur Ausdruck männlicher Mythologie ist. Gleichzeitig verschleierte er einen anderen Zusammenhang: Männer haben um so eher die Tendenz, ihren Penis überzubewerten, als sich ihnen die Kreativität des Lebens entzieht.

Dem gegenüber hat es in der Geschichte durchaus Männer gegeben, die intime Kenntnis vom Leben hatten, seiner Schönheit, seiner Herrlichkeiten, sei es die aufgehende Sonne, ein Wasserfall oder das Glucksen eines Säuglings. Und es gibt Gesellschaften wie die Ituri (Turnbull, 1961) im Regenwald des Kongo oder die Yequanas im Dschungel Venezuelas, in denen Männer heile Menschen sind. Wir aber sind es nicht.

Es fängt an mit der Angst, der Angst vor der Hilflosigkeit. Eine Angst, so groß, daß wir die Hilflosigkeit meiden, die den Beginn unseres Menschseins charakterisiert, anstatt sie anzunehmen und sie in unser Erleben zu integrieren. Mit der Ablehnung dieser fundamentalen menschlichen Eigenschaft verblaßt für viele Männer das Leben zu einer Farce.

Warum hassen die Männer ihre Hilflosigkeit so sehr? Und warum hassen manche Frauen, häufig jene, die als besonders attraktiv und erfolgreich gepriesen werden, hilflose Männer? Hilflosigkeit ist gefürchtet, weil sie oft zur Vorbedingung unserer Unterjochung wurde. Wenn Eltern die Hilflosigkeit ihrer Kinder ausnützen, um sie zu Objekten zu machen, durch die sie ihre eigene „Selbstachtung“ erhalten, wird Hilflosigkeit zu unserem Feind. Es ist also nicht die Hilflosigkeit an sich, sondern ihr instrumenteller Charakter, der Kontext unserer Erfahrung von ihr, der uns Hilflosigkeit so gefährlich, so unannehmbar macht.

Wenn das Kind nie zu fühlen bekommt, daß es um seiner selbst willen geachtet und geliebt wird, wird aus der Hilflosigkeit, mit der es auf allen seinen Entwicklungsstufen konfrontiert ist, eine unaufhaltsame Angst. Die Winzigkeit des Kindes, seine Machtlosigkeit, seine Bedeutungslosigkeit – außer als Objekt anderen Menschen Bedeutung zu geben –, kurz: seine Minderwertigkeit, machen es unmöglich, sein eigenes Selbst zu finden. Unter solchen Umständen kann ein Kind nicht an sich selbst festhalten, da es dem Chaos ausgesetzt ist, dem überflutenden Einströmen von ungeordneten Sinnesempfindungen: eine unmögliche Hilflosigkeit.

Seine seelische Integration wird dann entweder auseinanderfallen, oder es wird seine Kohäsion durch die von den Eltern gebotene Struktur finden. Deswegen wird Hilflosigkeit mit dem Verlust des Selbst gleichgesetzt. Der klassische Weg aus dieser Verzweiflung ist der von der Gesellschaft offerierte: Macht. Macht über andere. Das Kind erspürt in den Umgangsformen der Eltern, wie diese sich gegenseitig ausbeuten. Empathisch erkennt es ihre Verzweiflung und ihre scheinbaren Triumphe durch das einander Demütigen und Heruntersetzen. Macht, so die unausgesprochene Verheißung, ist das Heilmittel in seiner Situation.

Das Kind spürt genau, wo Eltern seine Hilflosigkeit ausnützen und sie erhalten, um ihren Selbstwert zu etablieren. Und indem es nun seine eigenen Reaktionen unterdrückt – sie sind ja eine Gefährdung –, wird die „Harmonie“ mit den Eltern hergestellt. Es beginnt zu glauben, daß die elterliche Welt und wie die Eltern ihm begegnen, das Beste für es sei. Das kindliche Leiden wird verneint, und allmählich verlernt das Kind, auf sein Inneres zu hören. Aber die durch das Zerstören seiner Autonomie hervorgerufene Wut wird selbst zum zerstörerischen Trieb, der sein Verlangen nach Macht nun weiter fördert. Bleiben solche Vorgänge ungemildert, zum Beispiel durch Menschlichkeit, lernen Kinder bald, daß der Schmerz selbst ein wirkungsvolles Mittel zur Herrschaft ist. Sie haben gelernt, daß es ihr Gemüt ändern kann, und so fangen sie an anzunehmen, daß alle und alles auf diesem Weg bezwungen werden könnte. Auf diesem Weg – durch kindliche Phantasien, in denen die Quellen der Taten machtvoller erwachsener Männer zu suchen sind – werden die Themen unserer „Geschichte“ erzeugt.

Männer sind mehr geschädigt

Noch etwas wird hier ausgebrütet. Unter den Bedingungen einer Kultur, die Macht als Leitprinzip des Selbst fördert, lernen Kinder so zu tun, als ob sie verletzt wurden, um jene zu manipulieren, die einem wirklich weh taten. Solche Kinder erlernen die Heuchelei der Macht-Welt schnell: Wirkliches Leid, daß ich in Depression und in Formen des Sichzurückziehens ausdrückt, irritiert die Erwachsenen. Dagegen bewirkt ein trügerisches Manöver, wie tränennasse Augen, eher Großzügigkeit und erfüllt Erwachsene mit Machtgefühlen. Über dem augenscheinlichen Erfolg solcher kindlicher Manipulationen darf nicht vergessen werden, was für eine Quelle der Verachtung das darstellt! So verewigt sich Falschheit. Der Verrat am Selbst führt dazu, die Welt mit Lügen zu manipulieren.

Unter diesen Bedingungen unserer Entwicklung ist es für Männer und Frauen schwierig, ihre Hilflosigkeit als eine Vorbedingung zu akzeptieren, sich selbst hören zu können. Jedoch ist der Druck auf Männer, sich der Ideologie der Macht zu fügen, stärker. Ihre Metaphysik des Selbst zerstört ihre eigene Menschlichkeit. Wie schon beschrieben, haben Frauen oft mehr Möglichkeiten, ihren Sinn des Lebens außerhalb solch einer Ideologie zu finden. Sie können Leben in die Welt bringen. Und wohl viele von uns Männern rettet, daß die Mütter in einer Realität leben, welche von Erfahrung und nicht von Metaphysik geprägt ist, die Erfahrung zum Beispiel mit der Hilflosigkeit ihrer Kinder, Kinder, auf die sie sich bewußt freuen. Damit soll nicht die Plackerei und starke Gebundenheit von Frauen glorifiziert werden, mit denen das Kinderaufziehen in unserer Kultur so oft verbunden ist.

Das Entscheidende ist, daß viele Frauen trotzdem immer bereit waren, auf die Hilflosigkeit ihrer Kinder einzugehen. Die Hilflosigkeit des Säuglings, eingebettet in die Lebendigkeit und Freude der Mutter, wird nicht als Bedrohung oder Druck erfahren. Sie führt für das Kind zur Entdeckung, daß ihm geholfen wird, die Welt zu erfassen und zu erreichen. Gleichzeitig führt eine solche Empfänglichkeit einer Mutter – durch ihr Erleben der eigenen Kreativität – zur Verläßlichkeit und Erweiterung ihrer empathischen Fähigkeiten. Dieses Entfalten der empathischen Wahrnehmungsfähigkeit fördert nicht nur das Wachstum des Kindes durch die angemessene Antwort auf seine Bedürfnisse, sondern verstärkt auch die Gefühle der Mutter für Angemessenheit, Kraft und Freude.

Das Erlebnis der Hilflosigkeit eines Wesens, das man hegt und nährt und an dessen Heranwachsen man Anteil nimmt, könnte an sich jedermanns Erfahrung sein. Dort aber, wo die Struktur des Selbst diese Erfahrung als Ausdruck von Schwäche und Mangelhaftigkeit zurückweist, wird solch eine Möglichkeit verworfen. Da der Druck unserer Kultur, jenes durch Hilflosigkeit irritierte Selbst zu erzeugen, größer auf Männer ist als auf Frauen, entsteht ein fundamentaler Unterschied im Umgang mit Hilflosigkeit zwischen Männern und Frauen.

Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, daß dieser Unterschied hauptsächlich darin liegt, daß Frauen im allgemeinen realistischer, wirklichkeitsoffener sind als Männer. Sie sind in dem Sinne menschlicher, als sie weniger von ihren Gefühlen abgetrennt, weniger geneigt sind, ihnen durch Abstraktionen zu entfliehen.
Wie schon darauf hingewiesen, gab es durch alle Zeiten Männer, die auf die Hilflosigkeit anderer in hegender Weise einzugehen verstanden, sie weder fürchteten noch sich dadurch vernichtet fühlten. Aber in unserer von der Bewunderung der Macht beherrschten Kultur müssen gerade die Frauen, die wirklichkeitsoffener sind, viel mehr als die Männer auf zwei Ebenen leben, da ihre tiefste Erfahrung der offiziellen Wirklichkeit widerspricht. In anderen Worten: Wenn offizielle Logik und erlebte Gefühle nicht isomorph (übereinstimmend) sind, kann man nicht auf einer integrierten Ebene leben.

Für Männer bedeutet das sehr häufig, daß Frauen in unterschiedlichen Graden „hysterisch“ sind, beherrscht von Irrationalität und Mangel an Logik. Was für eine Vereinfachung und wunderliche Selbsttäuschung unsererseits! Aber diese verächtliche Einstellung Frauen gegenüber hilft den Männern, ihre wahnsinnigen Annahmen über die vermeintliche Notwendigkeit der „Stärke“ und Macht nicht in Frage stellen zu müssen.

Wie sollten Frauen anders als gespalten erscheinen, wenn die „Vernunft“ der Macht ihrer Offenheit und Disponibilität, ihrer kreativen Erwartung, Lebendigkeit und Zärtlichkeit und ihrem Eingehen auf Hilflosigkeit und Leiden widerspricht? Sich nicht dem Diktat der logischen Erwartung zu unterwerfen setzt sie leicht dem Verdikt der Inkonsequenz aus. Die „Logik“ der Männer lehnt solche „inkonsequenten“ Lösungen ab, sie sehen sich in ihren Handlungen als konstant an.

Ich meine, wir müssen dafür danken, daß es noch Unbeständigkeit und Irrationalität gibt; denn dadurch bleiben wir überhaupt noch mit dem Leben in Kontakt. Wir alle würden Robotern noch ähnlicher sein, als wir es ohnehin schon sind, wenn alle Mütter sich in das Abspalten von Gefühlen drängen lassen. Die Tatsache, daß es auf dieser Welt noch immer geistige Gesundheit gibt, spricht für die Kraft und Verbreitung der unmittelbaren Erfahrungen, die in echten Bedürfnissen und Zielen wurzeln.
Wir Männer müssen uns über den Mangel klarwerden, der in den Schranken besteht, die uns von jenen Bedürfnissen trennen, die um Hilflosigkeit, Leid und das Schaffen von neuem Leben kreisen. Das hat unsere Trennung von der Wirklichkeit des Am-Leben-seins, von uns selbst, von Frauen und Kindern vertieft.

In der Vergangenheit mußten Frauen, wollten sie die Verbindung zu ihren wirklichen Gefühlen behalten, einen Teil ihres Lebens mit Bewunderung ihrer ehrgeizigen Ehemänner oder dem Zujubeln auserkorener Helden verbringen. Das erlaubte ihnen nämlich, sich einen Freiraum zu schaffen, in dem ihr anderes Selbst ohne allzuviel Einmischung von außen Ausdruck finden konnte. Kinder und Heim wurden zu solchen Bereichen. Hier konnten sie unter dem Deckmantel weiblicher „Minderwertigkeit“ eine Art von Freiheit und geistiger Gesundheit für sich selbst entwickeln.

Wenn ich allerdings jene Frauen sehe, die glauben, Gleichberechtigung bedeute die Freiheit, so ehrgeizig und machthungrig zu sein wie die „männlichsten“ der Männer, dann fürchte ich, daß Frauen, die auf ihre Weise heilgeblieben sind, durch die eigenen Geschlechtsgenossinnen gefährdet werden. Denn nun werden sie sich nicht nur gegen Männer wehren müssen, sondern auch gegen jene Frauen, die die männliche Auffassung von Freiheit übernommen haben. Die „Freiheit“, der Macht nachzujagen, um nichts von Furcht wissen zu müssen, verbündet sie mit der Verachtung, die Männer für das weibliche Geschlecht haben. Ein Selbst, das vor der Hilflosigkeit davonläuft, kann nur sehr beschränkt Teile seines inneren Geschehens erfahren. Es kann nicht mit seinen eigenen Schrecken und Unsicherheiten umgehen, kann sie nur negieren durch Verachtung und der Jagd nach Unverwundbarkeit. Das ist natürlich eine vergebliche Jagd für beide, da für Männer und Frauen die Hilflosigkeit, gerade weil sie gefürchtet wird, hinter jeder Ecke lauert. Diese Jagd führt zu Paranoia, Abwehr, Säbelrassseln und zum Wahnsinn des Wettrüstens.

Bewunderung

Die Abhängigkeit von Bewunderung, das heißt das Bewundertwerden, scheint die ersehnte „Stärke“ zu versprechen. Für sein „Starksein“ will der Mann bewundert werden. Und dieses Bewundertwerden wird Liebe genannt, dabei ist es eher dazu angetan, die wahre Liebe zu ersticken. Meistens ist das nicht die bewußte Absicht, in der Wirkung bleibt es jedoch gleich.

Wenn wir für Eroberungen und Heldentaten geliebt werden wollen, deren Entstehung auf Angst beruht, auf der Angst, daß wir wirklich schwach sein könnten, dann verachten wir uns selbst und dazu jene, die uns dafür „lieben“. So verlangen wir nach weiterem Bewundertwerden, denn nur so müssen wir auf unsere eigenen Zweifel nicht aufmerksam werden und fühlen uns geliebt. Aber die wahre Liebe, die wir alle wünschen, entrinnt uns. Und desgleichen auch Intimität, jene Nähe, die wir nötig haben, vor der wir uns aber fürchten, da sie Offenheit und Echtheit verlangt. Gefangen in der Verlogenheit „männlicher“ Metaphysik, gelingt es manchen Männern niemals, in der Begegnung der Intimität auch zu sich selbst zu kommen. Und so wird das Nichtselbst-Sein fortgesetzt. Wie soll ein Mann (oder eine Frau) für etwas bewundert werden, was letztlich auf Selbstbetrug beruht? Solange Angst vor Hilflosigkeit dahintersteht, die man sich nicht eingestehen kann, muß der Bewunderer seine eigene Hilflosigkeit verleugnen. Dadurch verliert er sich selbst. Was übrigbleibt, ist vielleicht ein Kalkulieren, ein Manipulieren. Aber das ist Falschheit und widerspricht der Liebe, so erfolgreich auch jemand damit sein mag! Eine meiner Patientinnen gab mir Aufschluß über diese Art Bewunderung. Sie brach in einer Sitzung in einen Schrei aus:

Meine letzte Zuflucht war, Teil meiner Mutter zu werden, ihr ganz zu gleichen. Was für ein Trick! Wenn ich sie bewunderte, wie sie war, konnte sie mich ja nicht finden. Ich war nicht mehr da!

Eine bemerkenswerte Einsicht. Indem man sich den idealisierten machtvollen anderen angleicht, kann niemand uns finden. Man ist ja nicht da! Der Preis, den wir alle zahlen, ist der Verlust unseres Selbst und als Folge der Verlust der Nähe zueinander.

Bewunderung hat noch einen anderen, äußerst ambivalenten Aspekt. Der, der bewundert, kann Macht ausüben! Es ist die Macht, die ihm der, der bewundert werden möchte, gibt. Ein Paradox – aber trotzdem wahr! Wir gebrauchen Bewunderung und Idealisierung, um die so Idealisierten zu stürzen. Es ist dies die Rache des Unterdrückten: „Du bist nicht so, wie du es mir versprochen hast!“ Der, an den wir bislang glaubten, kann im Handumdrehen gestürzt und vernichtet werden. Unsere Geschichte ist voller solcher Wandlungen. Warum sollten wir denn so gläubig gewesen sein?

Verfügen Menschen nicht über die notwendige Intelligenz und Bildung? Ich glaube, daß solch eine Erklärung eine Verhüllung wäre. Sie entfernt uns von der Wahrheit, daß wir uns unseren Unterdrückern ergeben, um unser Selbst zu verlieren; daß wir aber im geheimen sie in ihrer vorgegebenen Gottähnlichkeit fixiert halten, um uns sicher dereinst rächen zu können. Bei Tyrannen und Diktatoren geben wir das nicht zu – außer wenn sie schon am Stürzen sind. Aber in unseren Beziehungen zu unseren weniger bedrohlichen Mitmenschen praktizieren wir dies täglich. Wir idealisieren unseren Mann oder unsere Frau, unseren Geliebten oder die Geliebte. Dadurch brauchen wir dem anderen, wirklichen Menschen nie nahe kommen, nur dem erträumten. Und eines Tages verlieren wir unsere Bewunderung. „Der andere hat uns enttäuscht.“ Das ist der Trick, um uns nie in eine enge Verbundenheit zu verlieren, wie wir sie alle vor langer Zeit in unserer Kindheit erfuhren. Damals getrauten wir uns noch, unsere Hilflosigkeit zuzulassen, wurden dann aber oft ausgenützt. In dieser Erfahrung stecken der Schmerz und die Wunde, deretwegen wir unseren wirklichen Bedürfnissen nach Liebe und Nähe ausweichen. Wären wir uns dessen bewußt, so müßten wir uns mit dem Selbst, das auf Macht zielt, konfrontieren. Statt dessen idealisieren wir, wiegen uns im Glauben, zu bewundern und zu lieben, und halten uns gegenseitig auf Armeslänge fern.

In dem Ausmaß, in dem wir andere zu unseren Bewunderern machen, geben wir ihnen Macht über uns. Und so spielen Männer mit Frauen und Frauen mit Männern. Jeder wird durch sich selbst zum Schiedsrichter der Stärke des anderen. Jeder besitzt Macht, obwohl jeder sich unfähig fühlt, sein eigenes Leben zu leben. Was sich uns so darbietet, ist der Anblick einer Jagd von Männern auf Frauen und von Frauen auf Männer, alle auf der Suche nach einer halluzinierten Macht im anderen. Und einer haßt den anderen, weil er sich in des anderen Gewalt fühlt.“

Verrat am SElbst

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