Achtsamkeit in Veränderungsprozessen

In diesem Text sollen ein paar häufig übersehene Grundtatsachen, welche aber im Zusammenhang von Veränderungsprozessen eine zentrale Rolle spielen, erläutert werden. Es wird dabei nichts an speziellem Wissen voraus gesetzt, außer der Bereitschaft, Gewohntes zu hinterfragen.

Siehe auch: Worum es in Beratungsgesprächen geht

Was braucht es, um überhaupt als lebender Organismus zu gelten, um ernst genommen und wertgeschätzt zu werden?

Bewusstsein, als ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘ (was selbstverständlich Verwirrtsein miteinschließt) und die Fähigkeit zur Atmung (als wichtigster Baustein des Metabolismus). Ein menschlicher Körper, der nicht atmet und nicht mehr wahrnehmen kann, sich damit nicht mehr selber erhalten kann, der gilt als tot. Er wird sehr rasch begraben. Gerade weil Bewusstsein so eine basale Voraussetzung aller Lebensprozesse ist, wird seine Bedeutung regelmäßig unterschätzt. Nachhaltige Veränderungsprozesse, so könnte man sagen, sind im Wesentlichen nachhaltige Veränderungen des Bewusstseins. Was aber ist Bewusstsein?

Bewusstheit und Bewusstseinszustände

  • Bewusstheit, Achtsamkeit (ungeteilte Aufmerksamkeit, sich ihrer selbst nicht bewusst, raumzeitlos)
  • Tiefschlaf
  • Traumzustand
  • Wachzustand / Selbstbewusstsein und Du-Bewusstsein

Was wird geboren, wenn man geboren wird? Es erwacht das Bewusstsein, das Zeit- und Raumbewusstsein, das Selbstbewusstsein. Jedes lebendige Wesen hat Bewusstsein (wozu selbstverständlich auch das Unbewusste gehört), und dieses steuert sein Verhalten. Handeln funktioniert ‚instinktgesteuert‘, auf Basis einprogrammierter Reflexe (genetisch und sozialisiert / gelernt).

Dem Bewusstsein ‚vorgelagert‘ ist aber ‚Bewusstheit‘ (als primordiale Einheit von ‚Geist‘ und ‚Materie‘)

In der Bewusstheit sind alle 3 Bewusstseinszustände enthalten. Es braucht einen voll entwickelten und funktionierenden Körper, damit sich Bewusstheit in Form von Bewusstsein vergegenständlichen kann. Wenn der Körper (zum dem auch das Steuerungszentrum des Nervensystems zählt, das menschliche Gehirn) nicht reibungslos und schmerzfrei funktioniert, dann funktioniert auch das Bewusstsein nicht richtig (bzw. dieses verändert seinen funktionalen Zustand: es fällt ins Koma oder wird in künstlichem Tiefschlaf versetzt, es entwickeln sich psychotische oder neurotische Episoden, bis hin zu Dauer-Psychosen und voll entwickelten Neurosen).

Aber die raumzeitlose Bewusstheit / Achtsamkeit (die vorgelagerte kosmische Ordnung, deren Ausdruck Bewusstheit ist) bleibt von all dem unberührt: es gibt kein Bewusstsein ohne Bewusstheit, sehr wohl aber Bewusstheit ohne Bewusstsein (Tiefschlaf, Meditation). Bewusstheit ist absolut, Bewusstsein relativ (innerhalb der basalen Relationen von Raum und Zeit, welche Voraussetzungen und Anzeichen für unser Wach – Bewusstsein sind). Achtsamkeit ist der allzeit ‚gesunde Kern‘ jenseits jedes speziellen Bewusstseinszustands.

Bewusstsein ist daher raumzeitlich veränderlich, Bewusstheit/Achtsamkeit dagegen ist zeitlos, unveränderlich. Bewusstheit / Achtsamkeit ist das, was jeder Erfahrung (bewusst oder unbewusst) inhärent ist, d.h. was diese überhaupt erst ermöglicht und was alle Erfahrungen (Momentaufnahmen) miteinander verbindet. Bewusstheit / Achtsamkeit ist, wenn man einen Vergleich bemühen will, so etwas wie die Leinwand, auf welche der Film des Bewusstseins projiziert wird. Die ‚Leinwand‘ bleibt von allen ‚Projektionen‘ unberührt.

Das ist auch der Grund, warum wir uns unserer Achtsamkeit nicht bewusst sein können: es gibt da nichts, dessen wir uns bewusst sein könnten. Man ist achtsam, sobald man ist. Daher ‚entgeht unserer Aufmerksamkeit die Aufmerksamkeit selber‘: so, wie das ‚Sehen-Können‘ sich selbst nicht sehen kann – ist es doch die Voraussetzung für jedes Sehen. Weitere Vergleiche: Die Zähne können sich selbst nicht beißen, das Feuer sich selbst nicht brennen. Was mit sich selbst ‚ident‘ ist, das kann sich selbst nicht wahrnehmen. Achtsamkeit ist der zeitlose Kern aller Zeitlichkeit, oder anders ausgedrückt: Im Hier-und-Jetzt ist alle Zeit enthalten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Wir können aber, auch wenn wir im innersten Kern diese Achtsamkeit selber sind, nur jene Elemente der unendlichen Zeitreihe bewusst erfahren (‚wissen‘), welche uns augenblicklich am Schirm des Bewusstseins erscheinen: daher wird uns alles bewusste Leben zu einer Art Film (‚Kopfkino‘), zu einer ununterbrochenen Abfolge von Momentaufnahmen ( in Form von Narrativen!). Das geht nur, weil wir diese Momentaufnahmen im Gedächtnis speichern können; und so produzieren wir bewusst und unbewusst wie ein Filmemacher unsere persönlichen Filme (‚Erinnerungen‘), deren ‚Hauptdarsteller‘ wir damit auch zugleich sind. Und weil wir so identifiziert mit diesem Erleben sind, vergessen wir völlig, dass es nur ein ‚Film‘ und nicht das tatsächliche Geschehen selbst ist, welches wir erinnernd wahrnehmen. Man könnte aus dem ‚wirklichen‘ Rohmaterial viele unterschiedliche Plots zusammensetzen, drehen und schneiden.

Damit wird sogleich klar, welche zentrale Rolle Achtsamkeit / Bewusstheit in Veränderungsprozessen spielt: wenn wir uns unser Art zu Erleben bewusst machen, d.h. wenn wir sehen können, wie wir unser Sinneseindrücke selektieren, formatieren und komponieren, dann entsteht die Freiheit, dieses auch anders zu tun. „Erfahrung“, sagt Aldous Huxley daher zu Recht, „ist nicht, was uns zustößt, sondern das, was wir mit dem machen, was uns zustößt“. – Ohne erhöhte Achtsamkeit keine Chance für ‚bewusste Veränderung‘.

Wie kann aber die Achtsamkeit für etwas ‚erhöht‘ werden? Nun, die Antwort ist nach all dem bisher Gesagten klar: gar nicht. Denn Achtsamkeit ist, wie gesagt, nichts ‚Relatives‘. Was aber relativ ist, ist unser Grad des Bewusstseins für etwas. Wenn wir essen, wie bewusst essen wir? Wenn wir rechnen, wie bewusst rechnen wir? Wenn wir reden, wie bewusst reden wir? Zum größten Teil unbewusst! Wir müssen das, denn unser Bewusstsein wäre schnell überfordert, wenn wir alles, was wir tun, bewusst tun wollten. Es fehlt da also etwas anderes, aber was? Nun, was ‚fehlt‘ ist bei aufmerksamer Betrachtung sofort klar: Achtsamkeit beim Tun. Wenn ich etwas ‚achtsam‘ tue, dann ‚bin ich ganz mein Tun‘, dann gibt es keinen ‚Tuenden‘, dann ist Tun und das Getane und der Täter ein- und dasselbe (auch ‚Flow‘ genannt). Wenn wir nicht im ‚Flow‘ sind bei all unserem Tun, dann spaltet sich unsere Aufmerksamkeit in bewusste und unbewusste Teile, die miteinander nicht harmonieren (‚Überkreuzmotivationen‘). Dann verbrauchen wir beim unserem Tun mehr Energie, als nötig; dann verwirren wir uns selbst; dann tun wir nicht, was wir wollen und wollen nicht, was wir tun.

Leider ist so ein Geisteszustand für die meisten von uns der ‚Normalzustand‘ geworden. Wir haben uns so an diese tiefsitzende Verrücktheit gewöhnt, dass wir sie als ‚normal‘ empfinden. Wir nennen die Stabilisierung dieser verwirrten Bewusstseinszustände für gewöhnlich ‚Gewohnheiten‘[1]. ‚Eigentlich‘, sagen wir dann, „weiß ich eh, dass ich nicht so viel essen, rauchen, trinken sollte. Ja, ich sollte mehr Bewegung machen.“ Etc. etc. Immer wenn Sie das Wörtchen ‚eigentlich‘ verwenden, besteht eine fast 100% – ige Chance, dass sich dadurch solch ein innerer Zwiespalt zum Ausdruck bringt. „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komm nur so selten dazu“, hat Ödön von Horvath dazu gesagt. Besser kann man es kaum ausdrücken.

Also: das fehlt! Was ist es? Dass wir, wenn wir etwas tun, nicht ganz bei der Sache sind, dass wir es nur ‚halbherzig‘ tun, aus Pflichtbewusstsein, aus Perfektionismus oder was auch immer heraus, was mit der Sache selber nichts zu tun hat (siehe: ‚innere Antreiber‘!), also aus ‚Überich-Zwängen‘ heraus, aus einem innerlichen und äußerlichen ‚Getriebensein‘.

Wenn wir uns dieser ‚Mechanismen‘ bewusst werden, welche unsere Aufmerksamkeit verdunkeln, verwirren, verstören, dann werden sie sich im Licht der Aufmerksamkeit verändern. Es ist wie mit einem Dieb: fühlt er sich beobachtet, dann wird er von seinem geplanten Tun ablassen. Er wird dann, um nicht aufzufallen, sich sehr ordentlich und nützlich verhalten. Zuvor wird er aber ausrauchend Vorsorge treffen, um nicht ‚ertappt‘ zu werden, um weiterhin unbeobachtet im ‚Dunkeln gut munkeln‘ zu können.

Auch unsere Gewohnheiten sind ‚veränderungsresistent‘, d.h. sie schützen sich vor dem ‚bewusst gemacht werden‘. Wie? Indem das Befolgen des Gewohnten mit Lustgefühlen belohnt wird, und das Bewusstmachen mit Unlustgefühlen. Warum? Weil Erziehung noch immer so funktioniert. Jeder Lehrerin, jeder Lehrer, wird auf Anhieb verstehen, wovon da die Rede ist. Handelt es sich bei schulischem Lernen doch immer noch primär und ‚Verstärkungslernen‘ auf Basis von Belohnung und Strafe. Ohne Belohnung bzw. Angst vor Strafe würden die meisten Kinder nicht tun, was die Lehrer von ihnen wollen.

Wie kommt es unter solchen Umständen dann überhaupt zu bewussten Veränderungen? Nun, wenn ‚der Leidensdruck groß genug geworden ist‘. Das ist zumindest die heute übliche Redensart; D.h. wenn die Strategie der kurzfristigen Lustoptimierung auf lange Sicht so starke ‚Nebenwirkungen‘ erzeugt, dass der erwartete Lustgewinn verschwindet und in sein Gegenteil gekippt ist bzw. zu kippen droht. „Wer nicht hören will, muss fühlen“, hat es früher geheißen. Und das gilt immer noch. Denn früher oder später erleidet jeder die unerwünschten Wirkungen seines achtlosen Tuns und Seins. Wenn es ihm oder ihr nicht gelingt, sein Leiden an andere auszulagern (an sog. ‚Symptomträger‘, was vielen Menschen sehr oft sehr gut gelingt!), dann wird er oder sie endlich ‚zu den notwendigen Änderungen bereit sein‘.

Selten vorher.

Und damit wird auch klar, worin das zentrale Problem eines jedweden ‚Changemanagements‘ liegt: zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Maßnahmen treffen, damit das Notwendige endlich geschehen kann. Notwendig ist damit in allen Changeprozessen vor allem eines:

sich der gegebenen Not und des Notwendigen bewusst zu werden.

Wenn das gelungen ist, dann ist der größte Teil des Veränderungsprozesses schon passiert. Und genau an dieser Stelle wird aber zumeist ‚gehudelt‘, denn man will sich die Mühe einer solchen sorgfältigen ‚Diagnose‘ ersparen, und stattdessen umso schneller zur ‚Problemlösung‘ kommen, d.h. man hält auch noch im Veränderungsprozess an der falschen Strategie fest, welche sich durch das Festhalten an einem unreflektierten Lust-Unlust-Prinzip wie von selber aufdrängt und welche das Problem erst ‚verursacht‘ hat. Mehr vom selben!

Problemlösung bedeutet aber primär einmal: ‚sich vom Problem lösen‘, d.h. sich vom Diktat der Gewohnheiten (welche auch Wahrnehmungsgewohnheiten sind!) frei machen. Und das heißt: sich zuerst einmal all dessen bewusst werden, was achtsames Tun verhindert. Und zwar jetzt, genau jetzt: Was hindert mich jetzt ganz gar bei der Sache zu sein? Dann werde ich merken, dass es dieser ‚Erlösungsdruck‘ ist, dieser Wunsch, die Sache möglichst schnell über die Bühne zu bringen. Dann begegne ich all jenen verinnerlichten Mechanismen, die mich im Laufe meiner Sozialisation geprägt haben, wenn es um die bewusste und achtsame Auseinandersetzung mit ‚diesem Thema da‘ geht, was immer das Thema auch sein mag: Geld, Sex, Gehorsam, Umgang mit Zeit, Lust und Freiheit, dem Fremden, dem Anderssein etc.

Meist braucht es dazu aber eines aufmerksamen Partners, eines ‚Change-Managers‘. Dessen erste und vornehmste Aufgabe ist damit klar geworden: Achtsam sein, achtsam zuhören, Tempo rausnehmen und einmal auf das achten, wovon jetzt nicht gesprochen wird, obwohl es naheliegend scheint.

Das kann er / sie aber nur, wenn er nicht selbst ‚Opfer‘ seiner eigenen (Wahrnehmungs-) Gewohnheiten ist. Daher ist ‚Selbsterfahrung‘ die erste ‚Bürgerpflicht‘ eines guten Change-Managers. Man kann sich selbst gar nicht gut genug kennen, um ein guter ‚Change-Manager‘ zu sein. Denn wer sich selber kennt, der kennt auch den Anderen. Denn im Grunde funktionieren wir alle ziemlich ähnlich.

Der Rest ist Übung.

[1] „Dass man sich an alles gewöhnt, daran gewöhnt man sich. Man nennt das gewöhnlich einen Lernprozess“ stellt Hans-Magnus Enzensberger treffend fest.

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