Empathie als Folge ‚reiner‘ Achtsamkeit

„Das Leben auf diesem Planeten, auch das soziale, ist geprägt von Diversität. Ungleichheiten bestimmen auch die Mechanismen unserer Wahrnehmung. Bestimmte Personen ziehen unsere Aufmerksamkeit stärker an, entweder durch die Schwere ihrer Lebensumstände oder durch zufällig entstandene Salienz. Zahlreiche menschliche Schicksale entgehen daher notwendigerweise unserer begrenzten Aufmerksamkeit. Wenn überhaupt, dann werden sie bestenfalls in Form ‚statistischer Ereignisse‘ wahrgenommen.

Solange unsere Aufmerksamkeit rein ‚innerweltlich‘ bestimmt ist, können wir diesen psychosozial determinierten Mechanismen nicht entkommen.

Es ist uns nicht möglich, gleichwertigen Respekt für alle menschlichen Angelegenheiten zu empfinden. Das gelingt erst, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas fokussieren, was allen Menschen auf gleiche Weise inhärent ist. Und dieses ‚etwas‘ ist nichts anderes, als die ‚transzendentale Verfassung‘ des menschlichen Wesens, also das, was als ihre ‚unantastbare Würde‘ bezeichnet wird.

Denn alle Menschen sind in einem Punkt gleich, nämlich in ihrem Streben nach Selbstachtung (ausgedrückt in Form des Strebens nach ‚Wahrheit‘ und ‚Güte‘), welche das Zentrum ihrer psychischen und körperlichen Realität ausmacht.

Erst wenn menschliche Aufmerksamkeit sich auf diese transzendente Natur des Menschen richtet, wird ihr das zugänglich, worin alle Menschen einander gleich und worin sie miteinander verbunden sind. Erst eine solchermaßen gerichtete Aufmerksamkeit besitzt die Fähigkeit, in allen nur erdenklichen Fällen, und mit der notwendigen Klarheit, die Beschwernisse der Menschen zu erhellen.

Wenn jemand diese Fähigkeit besitzt, dann ist er nicht rein materialistisch (‚weltimmanent‘) orientiert – gleichgültig, ob er das nun selbst weiß oder nicht.“

Aus: Simone Weil, Draft for a Statement of Human Obligation.

Übersetzung: Günther Gettinger

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„Im Zuwendungsüberschuss, der auch den Geringsten unter uns zuteil werden soll, drückt sich die Idee aus, dass wir als Geschöpfe vor Gott alle bedingungslos gleich sind. Die Folgerung lautet, dass jedes menschliche Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende einen absoluten Wert hat.

Auch wo sich im christlichen Kulturkreis die alte Dogmatik verflüchtigt, bleibt zunächst noch eine vage »Ehrfurcht vor dem Leben« erhalten. Noch immer wird das Leben als ein »Geschenk« betrachtet, das keinen Partikularinteressen, weder ökonomischen noch sonstigen Kalkülen, unterworfen werden darf. Jede Person ist, mit Kant gesprochen, ein Zweck an sich.

Es ist nun aber genau diese kantische Formel, die dem Solidaritätsschwund infolge Säkularisierung zum Opfer fällt. Zwei Stichworte zur Veränderung des Personbegriffs in der glaubenslosen Moderne:

(a) Menschen ohne Vernunft und Autonomie haben einen geringeren Grad an »Personalität« als Menschen mit Vernunft und Autonomie. Daher gilt: Die einen haben tendenziell weniger Wert als die anderen. Das ist die Folge davon, dass der »rationale Eigennutz« und das Modell der vertraglichen Bindung zum wechselseitigen Vorteil wesentliche Bausteine unserer Gesellschaft sind. Die erweiterte Kampfzone umschließt mit Kälte und Kalkül auch den behinderten Menschen, den moral patient.

(b) Man braucht Organspender. Das führt zu einer Neuetikettierungs-Offensive: Der Mensch ist eine Person, bis der Hirntod eintritt. Mit dem Hirntod ist der Mensch tot. Das ist ein hochgradig metaphysisches Postulat, sozial implementiert aus Gründen, die nicht in der Person selbst liegen.

Wird das Konzept der Person als eines Zwecks an sich negiert, dann hat das Leben bloß noch relativen Wert. Sein Wert hängt dann entweder von Zielvorgaben ab, denen es selbst als Mittel zugeordnet wird, z. B. als notwendiges »Mittel«, um eine ausreichende Menge an pleasurable states of consciousness zu generieren. Oder aber der Wert des Lebens wird dadurch bestimmt, dass man seine Wünschbarkeit vor dem Hintergrund konkurrierender Interessen fixiert.

Wenn das Leben keinen absoluten Wert hat, dann ist das Einzige, wodurch im Leben für das Lebewesen selbst Wert entsteht, der Umstand, dass es zu leben wünscht. Dadurch aber wird der Lebenswille grenzenlos ausbeutbar durch das medizinische Anbot, länger und immer länger zu leben. Die Einstellung zum Leben wird technisch. Man beginnt, alle Maßnahmen bis hin zum genetischen Selbstumbau zu begrüßen, wenn sie versprechen, das Leben angenehmer und tendenziell unsterblich zu machen.“

Aus: Peter Strasser, Das Ende der Solidarität. Bemerkungen zum Umgang mit Außenseitern um die Jahrtausendwende

 

 

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