In der Moderne hat das Visuelle das Wort abgelöst…..

«Heute existiert in Liebesverhältnissen zunächst weder Wahrheit noch Lüge. Ein verbindlicher Code ist verschwunden. Das macht die Menschen unsicher. Erst ab dem Punkt einer Abmachung werden Wahrheit und Lüge wieder virulent.»

In der Moderne hat das Visuelle das Wort abgelöst, glaubt Illouz. Die Kulturindustrie bestimmt die Utopie der Liebe. Werbung, Kosmetik und Hollywoodfilme kreieren Formen der Romantik, in denen der Körper im Vordergrund steht. «Wie Waren ausgestellt werden, so geschieht dies analog mit der Sexiness des Körpers.» Sogar Romantik wird laut Illouz zur Ware: «Wir sind kaum mehr fähig, zu feiern, ohne dies über Konsum auszudrücken. Wir gehen ins Restaurant und finden das romantisch.» Illouz spitzt ihre Aussage noch zu: «Würden wir alle wieder Liebesbriefe schreiben, würde die halbe Wirtschaft kollabieren.» Sendungen wie «The Bachelor» würden sich dann erübrigen. Diese Reality-Show bringt die private Kennenlern-Situation auf die «Bühne». «Auf einem Markt beurteilt man die Waren, beim ‹Bachelor› werden Äusseres und Verhalten der Kandidatinnen permanent beurteilt. Illouz blendet dorthin zurück, als die Partnerwahl im Rahmen der eigenen Gesellschaftsklasse geschah, derselben Religion anzugehören, war auch ein Kriterium. Demografisch gesehen gab es weniger Menschen, die Auswahl war kleiner. «Man entschied sich für jemanden, ohne danach ständig das Verhalten zu beurteilen, das sowieso einem Code unterworfen war.» Heute sei die Auswahl riesig, was der «Bachelor» thematisiert.

Junge Leute träfen parallel verschiedene «Anwärter» ohne ein Ziel. Es gehe um die Quantität: Je mehr Bekanntschaften, desto höher das Selbstwertgefühl.

«Die Kultur der Leidenschaft ist uns abhandengekommen. Wir sind zu cool, bezogen auf die Liebe, auf die Politik und die Kunst. Wir sollten uns an der zu Papier gebrachten Leidenschaft orientieren. Lesen Sie Prousts Beschreibung von der Liebe!»

Illouz, die auch über den Einfluss der Massenmedien auf Gefühle forscht, plädiert anschliessend für die Freundschaft. Diese sei eine oft unterschätzte Vertrauensbeziehung.

Aus: NZZ, 27.10.17, Eva Illouz, Soziologin

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