Bestärkende Begegnungen

Martin BUBER:

Ein Mensch kommt zu Ihnen und bittet um Hilfe. Der wesentliche Unterschied zwischen Ihrer Rolle in dieser Situation und seiner ist offensichtlich: Er kommt zu Ihnen um Hilfe. Sie kommen nicht zu ihm um Hilfe. Und nicht nur das: Sie sind mehr oder weniger fähig, ihm zu helfen. Er kann Ihnen manche Dienste erweisen, aber er kann Ihnen nicht helfen. Und nicht nur das allein. Sie sehen ihn wirklich. Ich will damit nicht sagen, dass Sie sich nicht irren können; aber Sie sehen ihn, wie Sie eben bemerkten, so wie er ist. Er ist bei weitem nicht imstande, Sie so zu sehen. Der Unterschied liegt nicht nur im Grad, sondern auch in der Art des Sehens. Sie sind ganz bestimmt eine sehr wichtige Person für ihn. Aber Sie sind nicht ein Mensch, den er sehen und kennen möchte; und er kann es auch nicht. Sie sind wichtig für ihn…. Aber er ist nicht an Ihnen als Persönlichkeit interessiert. Das kann nicht sein. Sie sind wie Sie sagen, und das ist richtig – an ihm als Persönlichkeit interessiert. Diese Art unparteiischer Gegenwart kann er nicht haben und geben.

Carl ROGERS: Ich möchte das wirklich verstehen. Die Tatsache, das ich imstande bin, ihn weniger verzerrt zu sehen als er mich, und dass ich in der Rolle des Helfenden bin und dass er gar nicht versucht, mich im selben Sinn kennenzulernen ist das das, was Sie mit dem Ausdruck „unparteiische Gegenwart“ meinen?

Martin BUBER: Ja, nur das….. Ich würde sagen, dass jede echte existentielle Beziehung zwischen zwei Menschen mit Akzeptieren beginnt. Die beiden Ideen (Vertrauen und Akzeptieren) sind vielleicht nicht ganz gleich; ich meine, dass ich durch das Vertrauen imstande bin, dem anderen Menschen zu sagen – oder vielleicht nicht zu sagen, aber es ihn fühlen zu lassen -, dass ich ihn eben gerade so akzeptiere, wie er ist. Ich nehme dich an, so wie du bist. So weit, so gut; aber das ist noch nicht das, was ich unter Bestärkung des anderen verstehe. Denn Akzeptanz heißt eben nur, ihn so zu akzeptieren, wie er in diesem Moment gerade ist, in seiner eigenen Wirklichkeit. Bestärkung bedeutet zu allererst, die gesamten Fähigkeiten des anderen gelten zu lassen, auch wenn sich diese von unseren weitgehend unterscheiden; natürlich können wir dabei immer wieder irren, aber es ist eine Chance, die Menschen nicht ungenützt lassen dürfen. Ich kann in ihm die Persönlichkeit erkennen und kennenlernen, die – ich kann es nur so ausdrücken – er zu werden erschaffen wurde. In unserer wirklich einfachen Sprache finden wir keine Bezeichnung dafür, weil es keine Worte gibt für die Idee, „Mensch sein, um zu werden“. Das müssen wir erfassen, soweit wir können, wenn nicht im ersten Moment, so doch später. Und nun nehme ich den anderen nicht nur an, wie er ist, sondern ich bestärke ihn, zuerst in mir selbst, dann in ihm, in Bezug auf seine Fähigkeiten; nun können diese sich entwickeln, entfalten, der Wirklichkeit des Lebens entsprechen. Er kann in einem gewissen Rahmen mehr oder weniger tun, aber auch ich kann etwas tun. Und das gesteckte Ziel geht weit über das Vertrauen hinaus. Nehmen wir zum Beispiel Mann und Frau, Ehemann und Ehefrau. Er sagt, nicht ausdrücklich, aber durch seine ganze Beziehung zu ihr: „Ich nehme dich an, so wie du bist.“ Aber das heißt nicht „Ich möchte dich nicht ändern“. Sondern das heißt „Ich entdecke in dir durch meine Liebe, die dich annimmt, was aus dir werden soll.“ Das ist natürlich nicht etwas, was in gewichtigen Termini ausgedrückt werden kann. Aber es kann sein, dass es wächst mit den Jahren des Zusammenlebens.

Carl ROGERS: Ja. Und ich denke, das kommt dem sehr nahe, was ich unter Erfahrung der Akzeptanz verstehe, obwohl ich dazu neige, es anders auszudrücken. Ich denke, wir nehmen sowohl das Individuum als auch seine Fähigkeiten an. Es scheint mir eine konkrete Frage zu sein, ob wir das Individuum so annehmen können, wie es ist – denn oft ist es in einer sehr schlechten Verfassung -, wenn wir nicht in einem gewissen Sinne auch seine Fähigkeiten verstehen und anerkennen. Ich glaube, ich spüre auch, dass totales Vertrauen – Vertrauen zu diesem Menschen, so wie er ist – die stärkste treibende Kraft zur Veränderung ist, die ich kenne. In anderen Worten: Ich vermute, herauszufinden „ich werde angenommen, so wie ich bin“, löst die Veränderung aus oder weckt die Fähigkeiten – dann muss ich mich ändern. Denn dann fühle ich, dass Abwehrmaßnahmen nun nicht mehr notwendig sind; und dann können die weiterführenden Lebensprozesse selbst ihre Funktion übernehmen.

Martin BUBER: Ich fürchte, ich bin da nicht so sicher wie Sie, vielleicht deswegen, weil ich kein Therapeut bin. Und ich habe notwendigerweise mit einem problematischen Menschen zu tun. Ich kann die Gegensätzlichkeit in meiner Beziehung zu ihm nicht ausschalten. Ich kann sie nicht beiseite schieben. Wie ich schon sagte, ich habe es mit beiden Menschen zu tun. Ich habe es mit dem problematischen Menschen in ihm zu tun, und ich habe … es gibt Fälle, wo ich ihm gegen sein eigenes Selbst helfen muss. Er möchte meine Hilfe gegen sich selbst. Er möchte … sehen Sie, das erste und wichtigste ist, dass er mir vertraut. Ja, das Leben ist für ihn sinnlos geworden. Er steht nicht mehr am festen Boden, auf der festen Erde, er hängt sozusagen in der Luft. Und was möchte er?

Was er braucht, ist ein Mensch, dem er nicht nur vertrauen kann, wie ein Mensch dem anderen vertraut, sondern auch ein Mensch, der ihm Sicherheit gibt, dass es einen Boden, eine Existenz gibt; dass die Welt nicht verdammt ist zur Entbehrung, zur Entartung, zur Zerstörung; dass die Welt erlöst werden kann; dass er erlöst werden kann, weil es dieses Vertrauen gibt. Und wenn wir soweit sind, dann kann ich diesem Menschen sogar in seinem Kampf gegen sich selbst helfen. Und das kann ich nur dann tun, wenn ich zwischen Vertrauen und Bestärkung unterscheide.

 

Aus: ‚Carl Rogers im Gespräch mit Martin Buber‘. In: Persönlichkeitsentwicklung durch Begegnung. Das personenzentrierte Konzept in Psychotherapie, Erziehung und Wissenschaft. ÖBV, Wien 1984, S. 52 ff.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s