‚Organische’ Entspannung

healing

Um uns ‚organisch’ entspannen zu können, müssen wir zuerst einmal unsere gewöhnliche ‚Ich-Vorstellung’ genauer unter die Lupe nehmen:

Nämlich „unsere Vorstellung von uns selbst als eines von einer Haut umgebenen Ich. Für die meisten von uns ist ‚ich’ – mein Ich, mein Selbst, meine Quelle der Bewusstheit – ein Zentrum des Gewahrseins und eine Quelle aller Aktivität, die sich in einer Hülle aus Haut befindet……Wir würden kaum sagen: ‚Ich bin ein Körper’. Wir sagen vielmehr: ‚Ich habe einen Körper.’ Wir sagen nicht: ‚Ich schlage mein Herz’, so wie wir sagen, ‚Ich gehe, ich denke, ich rede.’ Wir haben das Gefühl, dass unser Herz aus eigenem Antrieb schlägt, und das hat nicht viel mit ‚ich’ zu tun. Mit anderen Worten, wir sehen ich nicht identisch mit unserem gesamten physischen Organismus. Wir halten unser Ich für etwas im Inneren dieses Ganzen und die meisten Menschen der westlichen Welt lokalisieren ihr Ich im Kopf….zwischen den Augen und Ohren.“ (Watts 2003, 19f)

Dieses AUTONOME ICH wäre dann – als von der übrigen ‚Umwelt’ abgetrenntes Sein‚ welche in dieser Vorstellung immer ‚draußen’ ist -, für das Verhalten ‚seines Körpers’ in der Umwelt voll verantwortlich. Wenn man es so formuliert, dann merkt man die Absurdität dieser Vorstellung von ‚sich’ und ‚der Welt’: Ich wäre dann so etwas wie der ‚unverursachte Verursacher’, eine Idee, die wir herkömmlich mit Gott verbinden (als den Erstverursacher, den ‚Schöpfer der Welt’). Wir, als für alles uns betreffende Geschehen ‚Letztverantwortliche’ wären dann geradezu verpflichtet, unsere Umwelt weitestgehend unserem ‚autonomen Willen’ gefügig zu machen, aber nicht nur diese, sondern auch ‚den Körper, den wir haben’. Naturbeherrschung und Selbstbeherrschung als Lebensaufgabe! Dazu braucht es Wissen und Können. „Alfred Korzybski hat den Menschen ein ‚Zeit bindendes Lebewesen genannt’, was bedeutet, dass er das Lebewesen ist, das sich in besonderer Weise des Zeitverlaufs bewusst und deshalb zu einigen bemerkenswerten Dingen in der Lage ist. Er kann voraussagen, indem er untersucht, was in der Vergangenheit geschehen ist, und dann einschätzt, mit wie hoher Wahrscheinlichkeit das gleiche noch einmal passieren wird. Die Fähigkeit, Dinge voraus zu sagen, ist natürlich sehr nützlich, weil sie die Überlebenschancen erhöht, doch gleichzeitig erzeugt dies auch Angst. Für die durch die Voraussage erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit zahlt man mit dem Bewusstsein, dass das Bemühen um das eigene Überleben letztendlich doch zum Scheitern verurteilt ist. Alles wird irgendwann auf irgend eine Weise vergehen….Die Menschen machen sich also immer größere Sorgen, und sie werden allmählich ängstlich, und letztendlich verlieren sie dadurch ihren Elan und ihre Lebenslust.“ (Watts 2003, 118)

Wie aber kann der ‚unverursachte Verursacher, unser ‚ich’, sterblich sein? Diese Ich-Vorstellung ist in sich auf fatale Weise widersprüchlich und damit angsterzeugend, verwirrend.

„Das Wichtigste ist, dass wir eine neue Art Bewusstsein brauchen – was bedeutet: Jeder Mensch sollte sich vergegenwärtigen, dass sein wahres Selbst nicht nur sein bewusstes Ich ist. Nehmen wir beispielsweise den Scheinwerfer eines Autos. Sie beleuchten die Straße vor dem Auto, jedoch nicht das Kabel, das die Leuchte mit der Batterie der Beleuchtungsanlage verbindet. Man könnte also sagen, dass sich der Scheinwerfer in einem gewissen Sinne nicht dessen bewusst ist, wie er leuchtet; und genau in diesem Sinne sind wir uns über den Ursprung unseres Bewusstseins nicht im Klaren. Wir wissen nicht, wie wir wissen…… .Wir sind also im Grunde unwissend und ignorant; das heißt, wir ignorieren, und es gelangt nicht in den Bereich unserer Aufmerksamkeit oder unseres bewussten Gewahrseins, wie es uns gelingt, bewusst zu sein, oder wie wir es schaffen, unser Haar wachsen zu lassen, unsere Knochen zu formen, unser Herz zu schlagen und mit unseren Drüsen all die Sekrete zu produzieren, die wir brauchen. Wir tun dies alles, wissen aber nicht, wie wir dies anstellen. Unter dem oberflächlichen Selbst, das seine Aufmerksamkeit auf dieses und jenes richtet, gibt es noch ein anderes Selbst, das im Grunde eher ‚wir’ als ‚ich’ ist. Je bewusster Sie sich dieses unbekannten Selbst werden – falls Sie sich seiner bewusst werden -, umso klarer Ihnen seine unauflösliche Verbundenheit mit allem anderen, was ist.“ Watts 2003, 41f)

Und mit dieser Einsicht verbunden ist eine großartige organische Entspannung – wir sind keine isolierten Individuen, sondern tatsächlich ‚In-dividuen’ (‚in-dividuum’, was wörtlich ‚unteilbar’ heißt), allverbunden und in ständiger Wandlung begriffen. Wir wissen und können unendlich mehr, als wir begreifen. Diese Einsicht, wenn sie denn eine ist, und nicht nur ‚theoretisches Wissen’, bewirkt eine „psychische Veränderung, ähnlich jener, die bei der Heilung einer Psychose eintritt. Ein Mensch, bei dem diese Veränderung eingetreten ist, versucht nicht, die Welt oder sich selbst der Kontrolle seines Willens zu unterwerfen. Vielmehr lernt er, die Dinge ‚geschehen zu lassen’, was nicht bloße Passivität bedeutet, sondern im Gegenteil eine kreative Technik ist, die der Arbeitsweise vieler bildender Künstler, Musiker und Erfinder unserer Kultur ähnelt und bei der Können und Einsicht das Resultat einer gewissen ‚dynamischen Entspannung’ sind.“ (Watts 2003, 17f)

“Von mir”, sagt Simone Weil, “wird nichts gefordert als Aufmerksamkeit, eine so völlige Aufmerksamkeit, dass das ‘ich’ verschwindet.’ Die erforderliche Passivität besteht im Einklammern des eigenen Wissens, der eigenen Wünsche, Erwartungen und Pläne. Diese Art von ‘Warten’ist damit aber kein rein passives ‘Abwarten’, sondern ein offenes ‘ausspannen’ des Geistes. Vorschnelle Einordnungen und Abschließungen werden aktiv zurück gewiesen. Diese Öffnung des Geistes für das jeweils aktuell Neue ist damit eine Übung, vielleicht die schwerste überhaupt.

Treffsicherheit im Urteilen entwickelt sich als Folge dieser Art von Übung, sie entsteht aus dem Zusammenwirken aller bewussten und unbewussten Anteile unseres Könnens. Absichtslos in unser Tun versunken tut sich dann unser Tun durch uns hindurch schließlich ‘wie von selber’. Es entspringt nicht mehr unserem bewussten oder unbewussten Wollen, sondern den tiefsten Tiefen unseres Seins.

Lit.: Alan Watts, Das Tao der Philosophie. 2003 Theseus, Berlin

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