Kümmere Dich um Deine Angelegenheiten!

Über die Selbstsorge

Von Peter Strasser, Fink Verlag, 2014 München

selbstsorge

„Kümmere Dich um Deine Angelegenheiten!“ Wer so redet, verbittet sich jede ungebührliche Einmischung von außen. Doch ist die Berufung auf exklusiv ‚eigene Angelegenheiten‘ noch gültig oder bereits Symptom einer narzisstischen Störung? Sind wir nicht alle für alle verantwortlich? Dagegen steht der Grundsatz ‚Ich bin ich‘.

Das Problem der Selbstsorge kreist deshalb um die Frage, wie mitmenschliche Besorgnis mit dem Recht auf Eigensinn ins rechte Lot gebracht werden kann. Dafür scheint, allen zeitgeistigen Widerständen zum Trotz, ein Rückgriff auf den Begriff Seele fruchtbar. Denn die ‚Seele‘, als Prinzip der Selbstsorge, definiert das Ideal einer Eigenliebe, die sich gleichermaßen als Weltbejahung, Kampf gegen das Böse und Caritas verkörpert. So gesehen gilt: Selbstsorge ist Seelsorge.“

Ein lesenswertes Buch!

Der Philosoph Peter Strasser beleuchtet die gängigen Phrasen,  die ideologischen und wissenschaftlichen Zugänge zum Thema ‚Selbstsorge‘. Wir, die wir heute in einer ‚entseelten Zeit‘ leben, seien Zeitzeugen einer ‚teuflischen Party‘. „Selbstsorge‘ schlußfolgert Peter Strasser, „ist aber Seelsorge, die zur Unbesorgtheit strebt.“ Denn „im Profanen west, der Zeit entsunken, Seelenhaftes“, welches sich heute zumeist  in den „unscheinbaren Liturgien des Alltags“ zeige. Und genau in diesen Augenblicken seien wir, so der Philosoph, „dem unerreichbar Nahen am nächsten.“

Es geht ihm, dem Rechtsphilosophen, um die konkrete Bestimmung dessen, was man so gerne ‚gelebte Eigenverantwortung‘ nennt. Was damit aber – postmodern auf-, ver- uind abgeklärt – jeder Unterschiedliches meint und verbindet!

Strasser durchwandert mit uns in diesem Buch das ideologische-begriffliche Netzwerk, um allen moralisch-ideologischen Reduktionen und Aufblähungen eine entspannende und entspannte Absage zu erteilen,. Er ist darauf aus, mit uns den Zauber alltäglicher Phänomene wieder zu entdecken, die entseelte Welt wieder angemessen zu ‚verzaubern‘. Nicht sentimental zu ‚vermenschlichen‘, ganz und gar nicht, sondern den lebendigen Weltgrund mitten in Alltäglichkeiten wahrnehmen zu können.

Es handelt sich dabei um gekonntes und geübtes Einschwingen in eine ganz bestimmte ‚Aufmerksamkeitsstimmung‘, nämlich in die seelische Gestimmtheit des ‚Gewärtigseins‘. „Es geht um Phänomen und Evidenz des Gewärtigseins. Dazu ist es erforderlich, daß ich nicht im bloßen Bewusstsein meiner selbst verhaftet bleibe. Dass ich darin, im Bewusstsein meiner selbst, mich zu finden vermag, besteht der grundlegende Irrtum unserer Zeit, wenn nicht der Epoche überhaupt.“ (S. 107f)

Das ist treffend gesagt. Wer will, der kann mit Strasser lernen, das, war er  fatale ‚Immanenzverdichtung‘ nennt,  zu transzendieren.

Mehr als nur eine geistig-seelische Entspannungsübung! Philosophische und ästhetische Reflexion vom Feinsten, ohne jede Form von Belehrungwut. Werfen Sie alle Ratgeber weg, auch alle Entspannungtechniken, und kümmern Sie sich ungezwungen um ihr *Seelenheil‘. Wer das tut, der hat sich zugleich um das Heil seiner Mitmenschen gekümmert.

Alte Lebensweisheit hinter und am Grunde aller Kultur und Kulturen. Denken kann Spaß machen und zugleich befreiend sein. Strasser zeigt, wie das möglich ist.

Man muss das aber auch wollen. Sonst erweist sich der Text als sperrig und schwer fassbar: Strassers Denken bürstet unser Denken und Fühlen gegen den vorherrschenden Zeitgeist. Herrlich befreiend!

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