Wer sagt, was ’seelisch krank‘ und was ’seelisch gesund‘ ist?

„Normal“ von Allen Frances: Beichte eines Psychiater-Papstes

Allen Frances:
NORMAL

Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen.

Dumont Buchverlag; 430 Seiten; 22,00 Euro.

Je weiter die Psychiatrie voranschreitet, desto weniger Normale bleiben übrig. Einer Studie zufolge erfüllen schon mehr als achtzig Prozent der jungen Erwachsenen die Kriterien für eine psychische Störung. Das sei irre, sagt der US-amerikanische Psychiater Allen Frances. „Die diagnostische Inflation hat dafür gesorgt, dass ein absurd hoher Anteil unserer Bevölkerung heutzutage auf Antidepressiva, Neuroleptika, Anxiolytika, auf Schlaf- und Schmerzmittel angewiesen ist“, schreibt er in seinem soeben erschienenen Buch „Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“.

Vor einer Abschaffung der seelischen Gesundheit haben Kritiker schon vorher gewarnt. Doch mit Frances, 70, meldet sich jetzt jemand zu Wort, der sein ganzes Berufsleben selbst daran beteiligt war, normale Menschen in seelisch Kranke zu verwandeln.

Umstrittener Leitfaden

Allen Frances leitete die Abteilung für Psychiatrie an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina und pries als bezahlter Redner Produkte der pharmazeutischen Firmen an. Zusätzlich war er bei der American Psychiatric Association (Apa) darin eingebunden, neue seelische Leiden zu erfinden. Die Apa ist mit weltweit 36.000 Mitgliedern die größte Psychiatervereinigung und gibt die Bibel der Seelenheilkunde heraus, das „Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen“ (DSM).

Das dicke Handbuch listet Verhaltensweisen auf, die nach Meinung der Apa als offizielle psychische Erkrankung zu gelten haben. Was im DSM steht, beeinflusst auch den ICD-10, jenen Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit dem Ärzte und Psychologen hierzulande abrechnen.

Das DSM bestimmt, wo die Grenze zwischen normal und gesund verläuft. Und das ist eine Grenze, die bisher mit jeder neuen Ausgabe des DSM in den Bereich des Normalen verschoben wurde. Frances hatte an der dritten Auflage (DSM-III) mitgewirkt und war Vorsitzender der Kommission, die die derzeit noch gültige vierte Auflage (DSM-IV) earbeitet hat. In diesem Zeitraum ist die Anzahl der verschiedenen Diagnosen von 182 auf 297 gestiegen. Diese Epidemie der Seelenleiden sei dem Fortschritt der Psychiatrie geschuldet, hieß es immer. Je genauer man forsche, desto mehr Krankheiten entdecke man.

Vor einer Abschaffung der seelischen Gesundheit haben Kritiker schon vorher gewarnt. Doch mit Frances, 70, meldet sich jetzt jemand zu Wort, der sein ganzes Berufsleben selbst daran beteiligt war, normale Menschen in seelisch Kranke zu verwandeln.

http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/normal-von-allen-frances-beichte-eines-psychiater-papstes-a-893739.html

Psychische Gesundheit für alle erfordert Maßnahmen auf vielen Ebenen: Abbau von Tabus und Vorurteilen, zielgerichtete Versorgung Betroffener und eine Gesellschaft, die die Seele der Menschen weniger unter Druck setzt und sie atmen lässt.

Hier wie dort müssen sich Individuen und Gemeinschaften mit dem Anstieg von ernsthaften psychischen Störungen auseinander setzen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind derzeit weltweit 450 Millionen Menschen davon betroffen. Depression, Alkoholismus, Demenz, Angstzustände, Schizophrenie und viele weitere psychische Störungen stehen mit 14 Prozent bereits an der Spitze aller Erkrankungen und haben Krebs sowie Herz- und Kreislaufprobleme überholt. Die Tendenz ist überall steigend. Dies hat, meint die Forschung, demographische und soziale Gründe. Einer höheren Lebenserwartung folgt etwa ein Anstieg von Demenzkranken. Wirtschaftliche Rückschläge oder industrielle Entwicklung bringen enorme soziale Umwälzungen mit sich.

In Ländern des globalen Südens entstehen auf Grund von Landflucht, Urbanisierung und chaotischer Modernisierung Stresssituationen für viele Bevölkerungsgruppen. Die Auflösung traditioneller Arbeitsbeziehungen, kultureller Bräuche und sozialer Gewohnheiten kann trotz aller sozialen Chancen große psychische Belastungen nach sich ziehen. Auch Armut macht Stress. Er kann bei einem Menschen, der um sein tägliches Überleben bangt, genau so groß sein wie bei einem  Börsenmakler, der in Sekundenschnelle die richtige Entscheidung treffen muss. Blumig ausgedrückt: Die Seele kann nicht mehr ruhig atmen.

Was aber ist überhaupt eine psychische Erkrankung? Wie kann man ganz „normale“ seelische Nöte, die im Laufe jedes Menschenlebens vorkommen, von krankhaften Störungen unterscheiden? Stress, Enttäuschung, Überforderung, Angst, Unzufriedenheit, Gekränktheit kennt jeder, ebenso Trauer, Mutlosigkeit, Antriebslosigkeit oder Wut. Ganz sicher ist die Grenze zwischen gesund und krank, zwischen normal und pathologisch fließend. Ebenso unterliegen psychiatrische Diagnosen wechselnden Konjunkturen. Ob etwas als Krankheit festgelegt wird, hat auch mit dem jeweiligen Weltbild einer Gesellschaft zu tun. Der subjektive Leidensdruck ist nicht zuletzt von sozialen Normen, von Tabu und Stigma abhängig. Lange kann man darüber diskutieren, warum es zu Zeiten von Sigmund Freud soviel Hysterie gab. Und warum kennt man heute kaum jemanden, der nicht irgendwann an einer Depression leidet? Vor hundert Jahren war niemand von Burnout betroffen. Oder ist dies nur ein „Modewort“ für eine alte Last?

http://www.suedwind-magazin.at/start.asp?ID=254894&rubrik=31&ausg=201310

Frances, Normal

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