Das ‚Selbst‘ – Zu entdeckendes Faktum oder Fiktion? Oder beides, weil beides nicht?

Gibt es eine sinnvolle Suche nach dem ‚wahren Selbst‘ oder kommt man bestenfalls zu funktionierenden autobiographischen Erzählungen? Der Philosoph Peter Bierie dazu:

„Obwohl mich die Frage, welcher von beiden der richtige Kommentar ist, seit der Zeit meines Studiums beschäftigt, ist es mir nie gelungen, zu einer wirklich beständigen Meinung darüber zu gelangen. Es ist befreiend, John Dewey, Nelson Goodman und Richard Rorty dazu zu lesen – über sprachlich gemachte und erfundene Phänomene und Welten, über Erkennen als Tun, über den Starrsinn und Irrsinn einer realistischen Deutung von Wahrheit und Erkennen. All das ist befreiend und charmant, und oft schon habe auch ich es nachgesprochen. Doch dann denke ich an Erfahrungen, die ich selbst mache und die oft genug auch meine literarischen Figuren machen: dass man spürt, ganz genau spürt, wo das Gravitationszentrum der eigenen Emotionen liegt, und dass der natürliche, der einzig natürliche Kommentar dazu ist: Das ist die Wahrheit, so sind die inneren Tatsachen, und wie sie sind, hängt nicht an irgendeiner naseweisen Geschichte, die ich mir so oder auch anders zusammenreimen könnte. Was also ist richtig? Um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß es bis heute nicht.“

Quelle: FAZ

Siehe auch: Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. Hanser Verlag, München 2013. geb., 384 S

„Die Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer greifbar. Man findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche ist eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die Suche ist unsere Aufgabe. Meistens stolpert man im Dunkeln über die Wahrheit, kollidiert damit oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder einen Umriss, der der Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, dass dies überhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin, dass sich in der Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden lässt. Es existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen, reflektieren, ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander zurück, sind füreinander blind. Manchmal spürt man, dass man die Wahrheit eines Moments in der Hand hält, dann gleitet sie einem durch die Finger und ist verschwunden.“ – Harold Pinter, Nobelpreisrede 2005

Siehe auch: https://psyhygiene.wordpress.com/2014/10/12/the-story-bias/

Was folgt daraus? Der Dichter Robert Musil hat es so formuliert:

Ein Gedanke, – er mag schon lange vorher durch unser Hirn gezogen sein -, wird erst in dem Momente lebendig, da etwas, das nicht mehr Denken, nicht mehr logisch ist, zu ihm hinzutritt, so daß wir seine Wahrheit fühlen.“ Denn jeder Gedanke bezieht sich auf etwas, das nicht mehr Denken ist – und worauf der Gedanke hinweist, was er be-deutet.  Deutet er richtig, dann wissen wir es. — „Man muss wissen, wann der Pfeil ins Schwarze getroffen hat“.

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