Schmerz und Erkenntnis

»Ohne Schmerz gibt es keine Bewusst­werdung. Menschen tun alles, egal wie absurd, um ihrer eigenen Seele nicht zu begegnen. Man wird nicht erleuchtet, in dem man sich Figuren aus Licht vorstellt, sondern indem man die Dunkelheit bewusst macht.« – C.G. Jung

Naja. Ich würde es andersherum fomulieren: Bewusstwerdung bedeutet Leiden, das Erleiden von Sinneseindrücken. Mal werden sie lustvoll, mal schmerzlich erlebt (ich meine jetzt  die seelische Interpretation von Sinneseindrücken. Uninterpretierte Sinneseindrücke, direkte Wahrnehmung körperlicher Schmerzen  – Nozizeption – ist noch mal was anderes). Wer dem seelischen Schmerz entkommen will, indem er dem Lustvollen folgt, der vermehrt paradoxerweise letztlich nur das schmerzhafte Erleben seiner Sinneseindrücke. Warum? Weil Lust und Frust (Leiden) zusammen gehören: Lust ist zeitweiliges Nachlassen von Schmerz. Und Lust, einseitig übertrieben, führt immer zu Schmerzen (Ekel, Übelkeit, Langeweile, etc.).

Diese Funktionsweise des Lust-Unlust-Prinzips kann man aber nur erkennen, indem man es bewusst ‚transzendiert‘ – und, ja, dieses ‚hinüber gehen‘ ist unsere Lebensaufgabe*. Dieses ‚hinüber gehen‘ ist aber alles andere als raumzeitlich gemeint; es meint das unmittelbare Einsehen der Tatsache,  dass Lust und Unlust die jeweiligen ‚Schattenseiten‘ (Kehrseiten) der gleichen Medaille sind. Diese Einsicht bedeutet zugleich auch die Einsicht in das, was mit ‚Medaille‘ in diesem Gleichnis gemeint ist. Diese ist nichts anderes, als das, was Jung ‚Seele‘ nennt: nämlich unser Vermögen, zu erleben und zu erkennen. Man kann die ‚Seele als Ganzes‘ nur erkennen, indem sich unparteiisch weder für Lust noch für Unlust interessiert. Und zu dieser Haltung kommt man nur, indem man jede Lust und jeden Schmerz zur Gänze ‚austrinkt‘ (also nicht davor flieht, indam man sich betäubt, womit auch immer: Drogen, Arbeit, Sex, Macht, etc.) – und auf diese Weise dorthin gelangt, wo beide ineinander übergehen und wo sie entsthen. ‚Dort‘ ist aber – wie schon gesagt – kein Ort, dort ist der Grund unseres Seins, unseres ICH-Erlebens – das Hier-und-Jetzt (‚U-topie‘).

Dichtern wird man in der Stille gerecht

Jung hat das also ein wenig verkürzt und verwirrend dargestellt (wie’s fast alle Psychologen tun). Er hat nicht ausreichend klar gemacht, dass die ‚reine‘ Seele ein ‚reines‘ Vermögen ohne spezifische Inhalte ist: das ‚ICH BIN – Bewusstsein‘ ist also die ‚Seele‘, und  ‚Ich bin dies und das‘ – das sind die ‚Inhalte der Seele‘, ihre Färbungen und Prägungen. Jede ‚geprägte Seele‘ hat dann eine Vorderseite und eine Rückseite (‚Figur-Hintergrund-Erleben), ja! – Und wer das nicht erkennt, ja, der fällt in die Grube seiner einseitigen Selbst- und Weltsicht. Warum das so ist, erhellt sich nun von selber, weil man gesehen hat, was  ‚Seele‘ bedeutet. –  Aber das alles geht einem nicht so leicht ‚ein‘! Denn wir alle hängen sehr an unseren spezifischen Weltsichten fest, ohne dieses zu merken. Wir verwechseln fast ständig unsere spzifische und beschränkte Sichtweise auf die Wirklichkeit mit der Fülle der Wirklichkeit selbst…. Werch ein Illtum!

Denn uns entgeht zumeist, was Goethe wusste: ‚Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis…..‘ (Faust II, Schluß-Chor)

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* Franz Kafka:

Von den Gleichnissen

Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber«, so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«

Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.«

Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«

Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«

Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.«

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