Aufmerksames Tun

Um die aktuelle Gültikgkeit eines Ereignisses (eines vorliegenden Texts, der Äußerung eines anderen Menschen, etc.) verstehen zu können, darf man dieses nicht sofort in vertraute Schemata einordnen. Es ist gut, wenn sich  jedes Ereignis im Geist so lange entfalten kann, bis man seinen Sinn erfasst hat.

Damit das passieren kann, muss sich unser Ego ‚passiv‘ verhalten.„Von mir“, sagt Simone Weil, „wird nichts gefordert als Aufmerksamkeit, eine so völlige Aufmerksamkeit, dass das ‚ich‘ verschwindet.‘ Die erforderliche Passivität besteht im Einklammern des eigenen Wissens, der eigenen Wünsche, Erwartungen und Pläne. Diese Art von ‚Warten’ist damit aber kein rein passives ‚Abwarten‘, sondern ein offenes ‚ausspannen‘ des Geistes. Vorschnelle Einordnungen und Abschließungen werden aktiv zurück gewiesen. Diese Öffnung des Geistes für das jeweils aktuell Neue ist damit eine Übung, vielleicht die schwerste überhaupt.

Treffsicherheit im Urteilen entwickelt sich als Folge dieser Art von Übung, sie entsteht aus dem Zusammenwirken aller bewussten und unbewussten Anteile unseres Könnens. Absichtslos in unser Tun versunken tut sich dann unser Tun durch uns hindurch schließlich ‚wie von selber‘. Es entspringt nicht mehr nur unserem bewussten oder unbeusstem Wollensanteilen, sondern einer aktuell-vollständigen Integration aller Wissensanteile. Dazu ist aber intensives Üben erforderlich, das Üben des ‚Suspendierens‘ der Identifikation mit partiellen Wissensanteilen.

Solche Aufmerksamkeit ist auch der ‚Stoff‘, aus dem wohltuende und gegenseitig hilfreiche zwischenmenschliche Begnungen gemacht sind.

Siehe auch: Achtsamkeit und Gelassenheit

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„Das Denken ist die Basis von allem. Es ist wichtig, daß wir jeden unserer Gedanken mit dem Auge der Achtsamkeit erfassen.“
Thich Nhat Hanh: Die fünf Pfeiler der Weisheit, München: Knaur, 2000, S. 20

Im Zen heißt es, daß durch die Fähigkeit, inmitten der Welt Achtsamkeit zu üben, weit mehr Kraft entsteht, als durch das einsame Sitzen und Vermeiden von Aktivität. Die tägliche Arbeit also ist der Meditationsraum, die zu erledigende Arbeit die Übung.“
Philip Kapleau: Der vierte Pfeiler des Zen, Bern u. a.: O.W. Barth Verlag bei Scherz, 1997, S. 34

Konzentration ist einschränkend, auf einen bestimmten Bereich begrenzt, während Achtsamkeit grenzenlos ist.“
Krishnamurti: Das Licht in dir, 1. Aufl. München: Econ, 2000, S. 38

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