Deine werdenden Tiefen…..

Du siehst, ich will viel.
Vielleicht will ich Alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

Es leben so viele und wollen nichts,
und sind durch ihres leichten Gerichts
glatte Gefühle gefürstet.
 
Aber du freust dich jedes Gesichts,
das dient und dürstet.

Du freust dich Aller, die dich gebrauchen
wie ein Gerät.

Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät,
in deine werdenden Tiefen zu tauchen,
wo sich das Leben ruhig verrät.

Aus: R.M.Rilke, Das Stundenbuch

 

Dieses Gedicht kann man auf vielerlei Weise lesen. Selbstverständlich ist damit – so meine Lesart – auch die Erkundung der unbewussten Seiten unserer Persönlichkeit gemeint. Rilke zielt aber weit tiefer, würd ich vermuten, nämlich dorthin, wo keine Analyse (auch die ‚unendliche‘) jemals hinreichen könnte: nämlich dorthin, wo alles Leben endet und beginnt, er weist uns hin auf ein ungebrochenes  ‚Hier-und-Jetzt‘-Erleben‘,  „…wo sich das Leben ruhig verrät.“ Also dorthin, wo das  Leben jenseits aller Subjekt – Objekt Dualismen mit dem, was wir Tod nennen, ident ist:

 Und solang Du das nicht hast
Dieses ‚Stirb und Werde‘
Bist Du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde

‚Du siehst, ich will viel /Vielleicht will ich Alles‘. Aber  ‚Alles‘ ist zugleich immer auch ‚Nichts‘. Es gibt aber zweierlei Formen von Nichts: Das Nichts, das zugleich Alles (Fülle) ist; und das nihilistische Nichts, also das Nichts das ‚nichtet‘, vernichtet.

Heute wird überall zu wenig ‚gestorben‘  – daher dieses wachsende Übergewicht an verdinglichender Vernichtung des Lebenden. Denn „Es leben so viele und wollen nichts / und sind durch ihres leichten Gerichts / glatte Gefühle gefürstet.“

Die Angst von dem Nichts, der horror vacui lässt diese teflonartig ‚Gefürsteten‘ auf den Oberflächen ihres Seins desorientiert dahin treiben. Vom Nichts, das Fülle ist (‚die werdenden Tiefen‘), gibt es nicht einmal die leiseste Ahnung…… Was für eine Hektik an diesen Oberflächen dann einsetzt, ja geradezu ‚existentielle Panik‘, das sehen wir täglich. Und diese Hektik wächst sich aus…

Eigentlich sehr klar, warum das mit Notwendigkeit so sein muss, wenn man die belebenden Tiefen so hektisch und panikartig meidet. Oder?

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