Ver- und Entschleierung als wahrhaftiges Spiel

 

burka

Heute ruft alles und überall nach ‚Transparenz‘ – Transparenz u.a. verstanden als Schutzmaßnahme gegen Korruption, Terrorismus und Fundamentalismus. Jede und jeder muss sich ‚outen‘. Aber hinter jeder Hülle kommt neuerlich eine Hülle, usw. usf. und das innerste dieser ‚Zwiebel‘ ist – die tote LEERE.

„Das Phantasma der liberalen Öffentlichkeit besteht in dem blinden Glauben, alles sehen zu können, wenn es nur offen genug daliegt – Wahrheit entfaltet sich im Offenen (i.e. im Entblößten, Entschleierten, Nackten). Aber das Offene ist nie offen genug, nie genug entblößt und gibt daher wiederum nur Anlass zu weiterer Entschleierung als fortgesetztes Entdecken der Wahrheit. Durch die Beziehung dieser Logik von Ver- und Entschleierung auf das Motiv der Freiheit lässt sich verstehen, warum eine Frau, die ihr Gesicht oder Haar unter einem Schleier verbirgt, auf der Bühne der liberalen Öffentlichkeit nur als Skandalon auftreten kann“, schreiben Noah Holtwiesche und Andrea Wald zur aktuellen Debatte, die um die Verschleierung von muslimischen Frauen geführt wird [1].

Wenn alles zu LICHT werden soll, alles AUSGELEUCHTET werden soll, dann wird alles letztlich wieder vollkommen DUNKEL. Denn ohne dunklen Hintergrund und dunkle Gegenstände kann ‚Helle‘ nicht wahrgenommen werden. Leben ist dieses Wechselspiel von Verschleierung und Entschleierung.

Goethe:

Das Geeinte zu entzweien / Und das Entzweite zu einen / Ist das Leben der Natur

Wahrheit ist nach griechischer Tradition das ‚Offenbar Gewordene‘ – aletheia – wobei ‘lethe’ Verborgenheit meint, und a-letheia den Prozess des Entbergens des Verborgenen bedeutet. Geheimnis oder Verborgenheit sei damit – Heidegger hat immer wieder darauf hingewiesen! – der ‘Ursprung’ jeder Form von Wahrheit: der Prozess des Entbergens steht noch in unmittelbarem Kontakt mit dem ‚verborgenen Ursprung‘. Heidegger: „Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.“ Solcherart ‚offenbar Gewordenes‘ wird damit wieder zu etwas ‚Verschlossenem und Verschließenden‘. Das Ursprüngliche und Eigentliche sei daher nur begreifbar im Prozess seiner Er-Öffnung, d.h. der Entschleierung. Diese dürfe aber nicht so gestaltet sein, dass dann am Ende erwartet wird, dass einem nun endlich alles ‚transparent‘ und ‚selbstverständlich‘ vor Augen liege, vollkommen ‚frei zugänglich‘; sondern so, dass man begreift, dass jeder Schritt der Entschleierung zugleich ein weiterer Schritt der Verschleierung ist. Wahrheit ist ein Spiel, nämlich das Spiel des Entbergens und Verbergens.

Wenn das gewusst und gefühlt wird, dann ist z.B. eine verschleierte Muslimin kein Skandalon mehr, sondern ihr ‚Schleier‘ kann dann als Einladung zu einem ‚Spiel‘ und als ‚Botschaft‘ verstanden werden. Die Botschaft: die ‚ganze‘ Wahrheit bleibt Deinen Blicken für immer verborgen – und ich, ‚die verschleierte Frau‘ verkörpere dieses Wissen – symbolisch und real. Die Einladung: schau mal aus dieser Perspektive auf Dich, mich und die uns umgebende Welt.

Jede Hülle verhüllt eine neuerliche Hülle, usw. usf. und das innerste aller Verhüllungen ist – LEERE, DIE ALLES IST, nämlich dieser ganze unabschließbare Prozess aller wirklich funktionierenden Verhüllungen und Enthüllungen. Das Leben als ein großartiges Spiel, eine tolles Theater! Episch,  tragisch, komisch, tragikomisch, etc.

Die meisten der heutigen ‚Aufgeklärten‘ – aber auch die meisten heutigen traditionell fixierten Muslime – nehmen in falschem Ernst irgend eine der Hüllen für die ‚ganze Wahrheit‘. Und genau das ist – aus meiner Sicht – der unerkannte (d.h. verborgene) Grund für die aktuelle ‚Verdunkelung‘ der Welt und damit auch der Wahrheit.

Selige Sehnsucht

Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Goethe

 

[1] Siehe: Noah Holtwiesche, Andrea Wald, Der Schleier als Symptom des liberalen Subjekts. Zur Identifizierung des Unidentifizierbaren, Wien 2011

 

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