Zur psychosozialen Funktion von Klatsch und Tratsch

Klatsch und TratschDiejenige menschliche Kommunikation, die man ‚Tratsch und Klatsch‘ nennt, dürfte so alt sein, wie die Menschheit selbst. Sie erfüllt offenbar wichtige Funktionen. Welche?

„Wenn Sie das nächste Mal in einem Café oder einer Kneipe sitzen, belauschen Sie einmal für kurze Zeit Ihre Nachbarn. Ungefähr zwei Drittel der Unterhaltung drehen sich um zwischenmenschliche Belange: Wer was mit wem tut, und ob es gut oder schlecht ist; wer wichtig ist und wer nicht und warum … Wir stehen vor einer seltsamen Tatsache. Unsere viel gerühmte Sprachfähigkeit dient offenbar hauptsächlich dazu, Informationen über Zwischenmenschliches auszutauschen; anscheinend sind wir versessen darauf, übereinander zu tratschen.“ – Robin Dunbar

Klatsch und Tratsch, so der britische Anthropologe Robin Dunbar[1], seien vermutlich von Anbeginn für die Entwicklung der Spezies Mensch überlebenswichtig gewesen. Klatschen und Tratschen mache nämlich Sinn: sie schweißen eine Gruppe zusammen und machen sie dadurch stark im Kampf gegen ihre natürlichen Feinde.

Da hätten wir es also wieder, das alte identitäts-stiftende Freund-Feind-Schema! Aber Tratsch ist nicht nur für die Identitätsbildung wichtig, Wir sind Menschen soziale Wesen und dadurch stark voneinander abhängig. Wir brauchen möglichst viele Informationen über das Verhalten und die soziale Stellung anderer – nicht zuletzt, um unsere soziale Stellung zu bestimmen – und zu behaupten. Auch wenn Klatsch verpönt und gefährlich ist: Die Tatsache, dass es ihn gibt, und die Furcht, sein Opfer zu werden, sorgen für ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle innerhalb einer Gemeinschaft.

Wer klatscht, der spricht ‚engagiert‘ mit anderen, und die Erzählung dieser „kleinen Geschichten über Mitmenschen“ stiften ein „Band der Gemeinsamkeit“. Als Klatschpartner gehört man dann zu den ‚Eingeweihten‘.

So sieht das auch der Soziologe Richard Sennett:

“Klatsch und Tratsch stimulieren durch die Information trivialer Informationen oder Ereignisse. Sie erregen die größte Aufmerksamkeit, wenn sie zu einem Minitheater voller Schockmomente werden: >Du wirst es nicht glauben…..<. Außerdem unterstellt der Erzählende, das die die anderen ‚kapieren‘ werden, ansonsten erklärt er die Dinge. Man wünscht sich keine passiven Zuhörer. Der meiste Klatsch ist boshaft…. Und wenn wir einen Schritt zurück treten, können wir auch die sozialen Beziehungen entdecken, in die sie eingebettet sind…. .“[2]

Psychisch gesehen ist ‚Klatschen und Ratschen‘ eine ‚Psychohygiene-Maßnahme, nötig zum Dampf ablassen, sich seinen Frust von der Seele zu reden, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dazu gehört auch, über den vermeintlichen Verursacher des Ärgers zu schimpfen, über ihn herzuziehen und zu lästern. Man sollte das aber unbedingt in ‚geschütztem Rahmen‘ tun, im Beisein von Freunden und verständnisvollen Gesprächspartnern. Also im Beisein von Menschen, die wirklich (nicht-wertend!) ZUHÖREN können.

Supervision z.B. ist ein Ort für eine derartige Psycho-Hygiene. Wer aber weder Profis noch Freunde als Zuhörer zur Verfügung hat, sich aber dennoch ‚seelisch entlasten‘ muss, der wird unbewusst leicht zum ‚Verursacher‘ und ‚Opfer‘ der gefährlichen Seiten von Tratsch und Klatsch.

Besser als Klatsch und Tratsch sind aber allemal richtig geführte Feedback-Gespräche verbunden mit Selbsterkundung, Selbsterfahrung aller Gesprächspartner. Man kann sich z.B. in diesem Zusammenhang selber fragen:

Was ist mein Anteil an diesem Geschehen? Wie gehe ich mit Enttäuschungen und Frust um? Wie lasse ich mir ‚Energie‘ ziehen? Welche ungelösten inneren Konflikte ‚projiziere‘ ich da nach außen? Wie hole ich mir Bestätigungen? Etc.

Zusammenfassend kann man also zu Klatsch und Tratsch festhalten:

Klatsch und Tratsch sorgen in der Monotonie und im Stress des Alltags für Abwechslung, Unterhaltung und Entlastung:

  • Man kann seinen Selbstwert erhöhen (sich wichtig und interessant machen)
  • Sich dadurch aufwerten, indem man andere abwertet
  • Sich selbst ‚finden‘, indem man sich von anderen abgrenzt und sich mit diesen in o.a. Weise vergleicht
  • Man kann dadurch von den eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten ablenken

C.G. Jung hat den schönen Satz geprägt: „Alles, was mich am Anderen irritiert, kann mir so zur Erkenntnis meiner selbst werden.“ Der beste Schutz gegen die destruktiven Wirkungen von Klatsch und Tratsch ist also Selbsterkundung und Selbstkenntnis. Denn wer sich selber durch und durch kennt, der ist dann letztlich immun gegen die ansteckenden Wirkungen vonTratsch und Klatsch – und wird von anderen als ein ‚angenehmer Zeitgenosse‘ erlebt und geschätzt.

Lit.:

[1] Robin Dunbar, Klatsch und Tratsch, Bertelsmann, München (1998)

[2] Richard Sennett, Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Hanser, München 2012, S.210f

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zur psychosozialen Funktion von Klatsch und Tratsch

  1. FGG schreibt:

    Spannend! Auch bei Harari „Kleine Geschichte der Menschheit“ nachzulesen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s