Privatisiertes vs. öffentlich geteiltes Glück

Zur Mobilisierung von Vorstellungen ’seelischen Heilseins‘

„Richard Sennetts in Deutschland erfolgreichstes Buch ist das 1998 im Berlin Verlag erschienene Werk „Der Flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus“ („The Corrosion of Character“). Es handelt vom Zerfall der persönlichen Erfahrung in der Arbeitswelt des Flexiblen Kapitalismus. „Character“ ist nicht Charakter. Es geht vielmehr um eine Idee des Selbst, das in dem Maße für sich selbst seine Erfahrungen zusammenbringen kann, wie es eine Zugehörigkeit zu Anderen empfindet. Wem die Anderen nur die Hölle sind, macht sich selbst zur Hölle.

Dieses Motiv findet sich schon in dem 1972 erschienenen, zusammen mit Jonathan Cobb erarbeiteten, von Richard Sennett dann aber verfassten Buch „The Hidden Injuries of Class“ – auf Deutsch vielleicht: „Verletzte Menschen. Die verborgenen Wirkungen der Klasse in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft“. Darin gibt es den wichtigen Gedanken, dass die andere Seite des demokratischen Gesetzes der Anerkennung durch Leistung die Beschämung aufgrund nicht wahrgenommener Leistungsbereitschaft oder nicht gewürdigter Leistungsfähigkeit darstellt. Klasse kommt durch Vorgesetzte ins Spiel, die die Maßstäbe vorgeben, nach denen die Leistung des Einzelnen beurteilt wird. Die wiederum berufen sich auf allgemeine Standards, um ihre Hände in Unschuld zu waschen, wenn sie jemanden mangels Leistungsfähigkeit degradieren oder mangels Leistungsbereitschaft aussortieren. Sicher, Leistung muss sich lohnen – aber wer bestimmt anhand welcher Maßstäbe, was eine gute, eine schlechte oder gar keine Leistung ist? Danach wird in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft ein Urteil über die Identität einer Person gefällt, die sich danach bestätigt, zurückgesetzt oder missachtet fühlt. Pisa führt uns heute vor Augen, wie das geht. Das Beunruhigende dieser Frage wird vor allem in der Generationenfolge virulent: Was kann ich meinen Kindern bieten, worauf können sie im Blick auf ihren Vater oder ihre Mutter stolz sein, welchen Strang der Erzählung unserer Familie werden sie aufnehmen und fortführen?

Die Frage nach dem Leistungsbegriff des Selbst hat Richard Sennett seitdem nicht mehr losgelassen. In dem 1977 in den USA und dann 1983 in Deutschland herausgekommenen Buch über „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“, das in der deutschen Übersetzung noch die schlagenden Untertitel „Die Tyrannei der Intimität“ trägt, ist Richard Sennett einer neueren Wendung im Leistungsbegriff des Selbst nachgegangen. Es geht um die Umstellung von ethischer Aufrichtigkeit auf seelische Echtheit. Der vom Einzelnen geforderte Leistungsbeitrag ist komplexer geworden. Man muss nicht nur seine materielle, sondern auch noch seine seelische Produktivität unter Beweis stellen. Richard Sennett hat den Aufstieg eines neuen psychosozialen Mittelstandes im Blick, der sein durchaus legitimes berufliches Interesse an der Mobilisierung von Vorstellungen von seelischem Heil und persönlicher Ganzheit mit den Ideen von öffentlichem Glück verwechselt.

Aber nicht nur der Wohlfahrtsstaat, der diese neuen Ärzte, Therapeuten und Sozialpfleger ja in der Hauptsache finanziert, das ganze Design unseres Zusammenlebens gerät nach der Diagnose von Richard Sennett in der Sog dieses Dispositivs der Transparenz, der Echtheit und der Ganzheit. Das Glas in der Architektur signalisiert, dass man alles sehen soll und nichts verheimlichen darf. Wer damit nicht zurechtkommt, wird schnell zum zivilisatorischen Problemfall.

Richard Sennett macht uns auf die Subtilität dieses neuen Regimes von Beschämung und Entwürdigung aufmerksam, gegen das es nur ein Heilmittel gibt: die Wiederbesinnung auf die Rollenförmigkeit und Aspekthaftigkeit des öffentlichen Auftritts. Helmuth Plessner hatte das übrigens schon in seiner „Kritik des sozialen Radikalismus“ aus der Zwischenkriegszeit unter dem Titel „Grenzen der Gemeinschaft“ (1924) im Gegenzug zu Vorstellungen von einer totalen Gemeinschaft als den humanen Wert des Rollenspiels herausgestellt.

Wichtig für das Werk von Richard Sennett und für uns heute ist der Gedanke, dass man einen Begriff von Öffentlichkeit braucht, wenn man nicht der Intimisierungslogik der Macht anheimfallen will. „Character“ kann man nicht nur aus sich selbst holen und für sich selbst bewahren, es braucht eine Resonanz im Allgemeinen und einen Widerschein im Öffentlichen, damit man, mit Hegel gesprochen, eine Person mit Erfahrung und Individuum mit Respekt sein kann.“

HEINZ BUDE, Jahrgang 1954, Soziologe
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