Das ‚Scham-Paradoxon‘

scham in der erziehung„Scham ist ein paradoxes Geschehen. Während es den Einzelnen oder eine ganze Gruppe dazu zwingt, sich nur mit sich selbst zu befassen, so verliert der Einzelne oder die Gruppe während dieser Beschäftigung immer mehr die Verbindung zu sich selbst. Die beschämte Person oder Gruppe verliert den Kontakt mit sich selbst, mit anderen, mit der Umgebung und allen positiven Kräften und Mächten außerhalb von ‚sich selbst‘.

In einer ‚Scham-Episode‘ fühlt das beschämte Individuum oder die Gruppe Isolation, Angst, Wut, Niedergeschlagenheit, Unpassend-Sein, Verwirrung und Ausgeliefertsein. Die Person oder Gruppe fühlt sich im Zentrum von immer unerträglich werdender Aufmerksamkeit und zugleich von größter Einsamkeit und Verlassenheit.“

„Scham wird gelernt, findet daher immer im Kontext von Beziehungen statt. Scham beginnt als äußerer Druck auf den Einzelnen (oder eine Gruppe), dessen Ziel es ist, den ‚Beschämten‘ mit den Wahrnehmungen der aktuellen Bezugsperson übereinstimmen zu machen.“

„Was als äußerer Kontrollversuch beginnt, wird vom Beschämten schnell verinnerlicht, wenn sich die Beschämungserfahrung oft genug wiederholt. Scham beginnt mit einem ‚Beziehungsabbruch‘, einer Unterbrechung der emotionalen Verbindung zwischen Eltern und Kind und der Angst des Kindes, von den Eltern fallengelassen (verlassen) zu werden….. Dieser Beziehungsabbruch wird verinnerlicht und führt zu einem ‚inneren Bruch‘ in der Persönlichkeit des Kindes. Das Kind muss sich von jenen Anteilen distanzieren, welche von den Eltern als ‚untragbar‘ angesehen werden (worden sind), um sich wieder mit den Eltern verbinden zu können. Die Notwendigkeit, die lebensnotwendige Beziehung mit den Eltern wieder herzustellen, d.h. deren Zuwendung und Zustimmung wieder zu erlangen, erzeugt dann jenes Beziehungsdrama, in welchem der Selbstwert und die Selbstachtung des Beschämten von der Zustimmung anderer abhängig gemacht wird….. Seinen Wert von anderen ‚definieren‘ lassen ist ein Kernstück dessen, was dann das ausmacht, was man später ‚Beziehungssucht‘ bezeichnen wird.

Der / die Beziehungssüchtige ist eine Person, welche ihr ‚Selbst‘ systematisch aufopfert, um von anderen angenommen und akzeptiert zu werden. Der Beziehungssüchtige wird sich verbiegen und selbst verwirren, um Konflikte mit anderen Personen zu vermeiden, gleichgültig ob es sich um nahe Freunde oder Bekannte handelt. Er / sie vermeidet Klarheit über eigene Gefühle und Gedanken, denn diese Klarheit und ihr Ausdruck in Beziehungen könnten das Gegenüber verletzen. In solchen ‚Suchtbeziehungen‘ sind eine oder beide Seiten von sich selbst ‚dissoziiert‘, weshalb sie auch keine befriedigende Intimität und befriedigende menschliche Nähe erleben können. Wenn man sich selbst nicht ‚nahe‘ sein kann, dann kann man das auch nicht mit anderen erleben. Man kann Ehrlichkeit gegenüber einem anderen nicht riskieren, denn diese Ehrlichkeit geht mit der Gefahr einher, fallen gelassen zu werden.“

Aus: Vicki Underland-Rosow, Shame: Spiritual Suicide. Waterford Publications, Minnesota 1995 (eigene Übersetzung)

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