Wo ist denn eigentlich der ‚Sitz der Persönlichkeit‘?

Ich weiß nicht, ob sich jemand von Euch je die Frage gestellt hat, wo denn eigentlich der ‚Sitz der Persönlichkeit‘ im Körper ist. Wo entsteht das Gefühl der spezifischen Form von Süße, wenn wir ein gutes Stück Kuchen essen. Wo schmerzt es, wenn wir Zahnweh haben? Und vor allem: WEM passieren diese Empfindungen?

Ok, wir zeigen auf die schmerzende Stelle! Es scheint, als wäre der Schmerz dort lokalisiert, wo die Zahnwurzel entzunden ist. Und  der Geschmack des Kuchen ‚explodiert‘ im Mund. Wo sonst?

Nun, man kann es rein lebenspraktisch damit bewenden lassen. Man kommt für gewöhnlich damit ganz gut durchs Leben.

Man kann jetzt aber weiter fragen: Wer wird sich der schmerzenden Stelle bewusst? Wer zeigt auf sie? Wer sagt, ‚Oh dieser Kuchen ist einmalig! Bitte noch ein Stück.“ Wir machen da ja einen Unterschied zwischen der Empfindung selbst und dem, der diese Empfindung ‚hat‘. Wer ‚hat‘ diese? Wem ‚passiert‘ sie – und wo ist dieser ‚wer‘ lokalisiert? Ist die Fragestellung jetzt klarer geworden?

Wie gesagt, wir fragen so nicht, weil wir uns für gewöhnlich mit unseren jeweiligen Empfindungen identifizieren. Und das ist auch gut so. Wir hätten im Straßenverkehr z.B. keine Zeit für solche Reflexionen, wie wir sie jetzt hier anstellen. Da müssen wir unmittelbar handeln. Im Alltag ’sind‘ wir unsere Wahrnehmungen …..

Wen aber eine geliebte Person ohnmächtig wird, auf Zuruf nicht mehr antwortet, obwohl die Körperreflexe funktionen und die vitalen Funktionen aufrecht sind, dann wird uns plötzlich klar: wir können mit der Person selbst, mit ihrem ICH, nicht kommunizieren. Dann wird klar, dass die Verbindung zwischen mir und Dir unterbrochen ist, dass wir den Kontakt mit unserem geliebten Gegenüber verloren haben. Der Körper arbeitet wie gewohnt, aber auf der ‚geistigen Ebene‘ herrscht Funkstille. In solchen Momenten wird schlagartig klar, dass die Gleichsetzung des körperlichen Funkionierens mit der Gesamtheit der Person ein Irrtum ist. Wir sind nicht unsere Körperfunktionen, sondern auch ganz wesentlich deren ‚wahrnehmen‘. Wer aber nimmt wahr? Und WO ist dieser wer, wenn er nicht gerade ohnmächtig ist? Wenn wir ihn oder sie danach fragen, dann bekommen wir zur Antwort: „Wo soll ich schon sein, hier natürlich.“ Und dann zeigt er oder sie auf seinen / ihren Körper. Wiederum Fehlanzeige!

Der Quantenphysiker Erwin Schrödinger hat sich diese Frage auch gestellt.  Seine Anwort kurz gefasst: Es wird uns ganz schwer, uns klarzumachen, daß die Lokalisierung der Persönlichkeit im Leibe nur symbolisch, nur für den praktischen Gebrauch bestimmt ist.“  Denn wenn wir auch das Hirn des Gegebenübers scannen, alles messen, was meßbar ist, dann finden wir ‚empirisch‘ immer noch nicht das Empfindungszentrum unseres Mitmenschen. Nirgends aber auf diesem ganzen Wege treffen wir die Persönlichkeit an, stoßen wir nirgends auf das Herzweh und die bange Sorge, die diese Seele bewegen und wovon die Wirklichkeit uns doch so gewiß ist, wie wenn wir sie selbst erlitten – und das tun wir ja auch.“  Und warum ist das so? Weil wir von vornherein einen Kategorienfehler begangen haben: wir haben das ‚Subjekt‘ der Erkenntnis mit dem ‚Objekt‘ der Erkenntnis verwechselt. Das ‚Subjekt‘ (als ‚Bewusstheit‘) erfährt sich im Vorgang des Wahrnehmens selbst, und dieser Vorgang kann sich wiederum selbst nicht wahrnehmen, macht ja dieses ‚Bewusstsein‘ jede Wahrnehmung überhaupt erst möglich. Dieses alles erst ‚ermöglichende Bewusstsein‘ ist also für sich selbst nicht sinnlich wahrnehmbar. Mit anderen Worten: „Nach allem, was sich wahrnehmungsmäßig darüber ausmachen läßt, geht demnach das Bewußtsein (mind) in dieser unserer räumlichen Welt einher gespenstischer als ein Gespenst. Unsichtbar, ungreifbar ist es ein Ding ohne jeglichen Umriß; es ist überhaupt kein ‚Ding‚. Es bleibt unbestätigt durch die Sinne, und bleibt das auf immer.“

Wohlgemerkt, ein merkwürdiger Befund: „Es bleibt unbestätigt durch die Sinne, und bleibt das auf immer.“ – Und wo ist jetzt der ‚Sitz des Bewusstseins‘ lokalisiert? Immer nur im HIER-UND-JETZT. Bewusstheit ist nämlich raumzeitlos, weil sie die Quelle aller Vorstellungen ist, auch jener von Raum und Zeit. Das ist für unseren raumzeitliche orientiertes Wahrnehmen nicht nur verwirrrend, sondern in gewissem Sinne auch tröstlich. Schrödinger:
„Wenn Sie vor dem entseelten Leichnam eines nahen Freundes stehen, den Sie schwer vermissen werden, ist es eher tröstlich zu wissen, daß dieser Leib ’nie wirklich‘ der Sitz seiner Persönlichkeit war, sondern nur symbolisch oder semantisch, nicht vielmehr als eine richtige Briefanschrift oder Telefonnummer.“

FAZIT: ICH BIN NICHT DIESER EINZELNE ‚KÖRPER‘, ICH BIN DER GESAMTE KOSMOS, DENN ICH BIN  ‚REINE BEWUSSTHEIT‘ (welche ohnen diesen SPEZIFISCHEN Körper aber nicht raumzeitlich phänomenal funktionieren könnte. Die Frage nach dem ‚Sitz‘ dieser Bewusstheit ist sinnlos, denn sie ist falsch gestellt. Besusstheit ist nämlich  zu verstehen als jene Dimension, wo Zeitliches sich mit Zeitlosem berührt; wobei ‚zeitlos‘ nicht der begriffliche Gegensatz zu zeitlich meint, sondern ‚alle Zeit einschließend und übersteigend‘). Oder anders ausgedrückt: Es sind die gleichen Gegebenheiten, aus denen die Welt und mein Geist gebildet sind. Die Welt gibt es für mich nur einmal, nicht eine existierende ‚und‘ eine wahrgenommene Welt. Subjekt und Objekt sind nur eines.“

Hier Schrödingers ausführliche  Reflexionen:

„Ohne es uns ganz klarzumachen und ohne dabei immer ganz streng folgerichtig zu sein, schließen wir das ‚Subjekt der Erkenntnis‘ aus aus dem Bereich dessen, was wir an der Natur verstehen wollen. Wir treten mit unserer Person zurück in die Rolle eines Zuschauers, der nicht zur Welt gehört, welch letztere eben dadurch zu einer ‚objektiven‘ Welt wird. Dieses Vorgehen wird durch folgende Umstände ‚verschleiert‘.

Erstens einmal gehört mein eigener Leib – an den mein Geistesleben so unmittelbar und eng verknüpft ist – mit zu dem ‚Objekt‘, das ich aus meinen Sinnesempfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen konstruiere – mein Leib gehört mir zur ‚realen Außenwelt‘. Zweitens gehören auch die Leiber anderer Wesen mit zu dieser objektiven Welt.

Nun habe ich gute Gründe zu meinen, daß jene fremden Leiber auch mit Bewußtsein verbunden sind, daß jeder sozusagen der Sitz eines dem meinen ähnlichen Bewußtseins ist. Ich kann keinem vernünftigem Zweifel Raum geben, daß auch diese fremden Bewußtseinssphären in irgendeinem Sinn existieren, aktuell sind, obwohl ich allerdings keinen unmittelbaren subjektiven Zugang zu ihnen habe. So bin ich also geneigt, diese fremden Bewußtseinssphären selber als etwas Objektives anzusehen, als einen Teil der realen Außenwelt. Ich schließe dann rasch, daß auch ‚ich selbst‘ einen Teil dieser realen Außenwelt bilde. Ich versetze sozusagen mein eigenes wahrnehmendes Selbst (welches ‚diese Welt‘ als geistiges Produkt konstruiert hat) in sie zurück – mit dem Ergebnis, daß als logische Folge dieser ganzen ‚Kette von Fehlschlüssen‘ nunmehr die Hölle los ist – eine Hölle von unerträglichen logischen Antinomien.

Ich will die zwei schreiendsten Widersprüche hervorheben, die sich aus dem Umstand ergeben, daß wir uns nicht bewußt sind, daß ein einigermaßen zufriedenstellendes Weltbild bloß erreicht worden ist, um einen hohen Preis, nämlich so, daß ‚jeder sich selbst‘ aus dem Bild ausgeschlossen hat, indem er in die Rolle eines unbeteiligten Beobachters zurückgetreten ist.

Die erste dieser Antinomien ist unser Erstaunen, unser Weltbild farblos, kalt, stumm zu finden. Farbe und Ton, heiß und kalt sind unsere unmittelbaren Sinneseindrücke. Was Wunder, daß sie einem Weltmodell fehlen, aus dem wir unsere geistige Persönlichkeit ausschließen mußten?!

Die zweite Antinomie ist unser völlig erfolgloses Suchen nach der Stelle, wo der Geist auf die Materie wirkt – und umgekehrt. Die materielle Welt konnte bloß konstruiert werden um den Preis, daß das Selbst, der Geist, daraus entfernt wurde. Der Geist (mind, mens) gehört also nicht dazu und kann darum selbstverständlich die materielle Welt weder beeinflußen noch von ihr beeinflußt werden.

Erinnern wir uns an die „zwei Schreibtische“ EDDINGTONs – den einen aus dem Alltagsleben vertrauten substantiellen, an welchem er sitzt, den er vor sich sieht und auf den er die Arme stützt – und den naturwissenschaftlichen, dem nicht nur alle konkreten Sinnesqualitäten abgehen, sondern der auch außerdem äußerst abstrakt ist. Besteht der doch überwiegend aus leerem Raum, in welchem bloß winzig kleine Atomkerne und Elektronen in unermeßlicher Zahl umeinanderwirbeln usw. An die eindrucksvolle Gegenüberstellung des lieben alten Hausmöbels und des physikalischen Modells knüpft er die folgende Zusammenfassung:

    „Die Welt des Physikers stellt sich dem Beschauer dar als Schattenspielaufführung des Bühnenstücks Alltagsleben. Der Schatten meines Ellbogens ruht auf dem Schattentisch, während die Schattentinte über das Schattenpapier fließt … Das freimütige Gewahrwerden, daß die physikalische Wissenschaften es mit einer Welt von Schatten zu tun haben, gehört zu den bedeutendsten Fortschritten der jüngsten Zeit.“

Soweit EDDINGTON.

Zu beachten ist, daß der bedeutsame jüngste Fortschritt nicht vielleicht darin besteht, daß die Welt des Physikers diesen schattenhaften Charakter angenommen hat. Sie hatte ihn sicherlich seit Demokrit, aber wir waren uns dessen nicht bewußt. Wir dachten, daß wir es mit der Welt selber zu tun hätten. Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts kam es auf, daß man von den begrifflichen Konstruktionen der Naturwissenschaft als von ‚Modellen‘ oder ‚Bildern‘ sprach.

Etwa ein Jahrzehnt nach EDDINGTONs „Nature of the physical World“ (1940) erschien von SHERRINGTON „Man on his Nature“. Durch das ganze Buch geht ein erliches Suchen nach positiven Beweisen für die Wechselwirkung zwischen Materie und Bewußtsein – Körper und Geist, wenn sie wollen (mind, matter). Ich betone ‚ehrliches‘ Suchen, denn es bedarf eine unerhört ernsthaften und aufrichtigen Kraftanstrengung, es bedarf der Unparteilichkeit eines Heiligen, nach etwas zu suchen, wovon man im vornhinein tief überzeugt ist, daß es sich nicht finden läßt, weil es halt, allem populären Glauben zum Trotz, nicht existiert. Das Ergebnis faßt er schließlich in die Worte zusammen:

    „Nach allem, was sich wahrnehmungsmäßig darüber ausmachen läßt, geht demnach das Bewußtsein (mind) in dieser unserer räumlichen Welt einher gespenstischer als ein Gespenst. Unsichtbar, ungreifbar ist es ein Ding ohne jeglichen Umriß; es ist überhaupt kein ‚Ding‘. Es bleibt unbestätigt durch die Sinne, und bleibt das auf immer.“

In meinen eigenen Worten möchte ich sagen: Der Geist baut die reale Außenwelt der Naturphilosophie (wie auch die Welt des Alltags) ausschließlich aus seinen eigenen, d.i. aus geistigem Stoff auf. Der Geist kann mit dieser wahrhaft gigantischen Aufgabe nicht anders fertig werden, als mittes des vereinfachenden Kunstgriffs, daß er sich selbst ausschließt, sich aus seiner begrifflichen Schöpfung zurückzieht. Daher enthält dieselbe ihren Schöpfer nicht.

Es liegt also der folgende merkwürdige Sachverhalt vor. Wahren alles Material zum Weltbild von den Sinnen qua Organen des Geistes geliefert wird, während das Weltbild selber für einen jeden ein Gebilde seines Geistes ist und bleibt und außerdem keine nachweisbare Existenz hat, bleibt doch der Geist selber in dem Bilde ein Fremdling, er hat darin keinen Platz, ist nirgends darin anzutreffen.

Wir machen uns das gewöhnlich nicht klar. Wir sind so sehr gewohnt, die Persönlichkeit eines Menschen – übrigens ganz ebenso die eines Tiers – eben doch in das Innere seines Leibes hineinzudenken, daß es uns erstaunt, zu erfahren, und wir es nur zweifelnd und zögernd glauben, daß sie sich dort in Wirklichkeit nicht vorfindet. Wir versetzen sie in den Kopf, ein gut Stück hinter die Mitte der beiden Augen. Von dort sieht sie uns, je nachdem, mit verstehenden, liebenden, seelenvollen, mißtrauischen, zornigen Blicken an.

Ist es eigentlich je aufgefallen, daß das Auge das einzige unter den Sinnesorganen ist, dessen rezeptiven Charakter der naive Mensch verkennt und, das Verhältnis umkehrend, viel mehr geneigt ist, sich vom Auge Sehstrahlen ausgehend zu denken als Lichtstrahlen von den Gegenständen auf es fallend? Man trifft diesen „Sehstrahl“ nicht selten in Comic-Zeichnungen an, ja selbst in älteren populärphysikalischen Skizzen, als eine punktuierte Gerade, die vom Auge auf das Objekt zielt, was durch eine auf letzteres weisend Pfeilspitze am entfernten Ende angezeigt wird.

Denken wir aber nur an die „leuchtenden Augen“ mit denen ein Kind uns „anstrahlt“, dem ein neues Spielzeug gebracht wurde; und dann lasse den Physiker dir sagen, daß in Wirklichkeit von diesen Augen nichts ausgeht – sie ihrerseits werden ständig von Lichtstrahlen getroffen – das ist ihre Funktionsweise. In Wirklichkeit. Sonderbare Wirklichkeit. In ihr scheint doch etwas zu fehlen.

Es wird uns ganz schwer, uns klarzumachen, daß die Lokalisierung der Persönlichkeit im Leibe nur symbolisch, nur für den praktischen Gebrauch bestimmt ist. Wenn wir mit den Kenntnissen, die wir davon haben, dem seelenvollen Blick ins Innere nachgehen, stoßen wir allerdings auf ein überaus interessantes, unerhört verwickeltes Getriebe: Milliarden von Zellen sehr spezialisierten Baues und unübersehbar komplizierter, jedoch augenscheinlich auf weitgehende gegenseitige Kommunikation abzielender Anordnung; hämmernde elektrische Stromstöße, die unablässig, aber in fortwährend rasch wechselnder Verteilung pulsieren, von Nervenzelle zu Nervenzelle fortgeleitet, wobei in jedem Nu Zehntausende von Kontakten gebildet und wieder blockiert werden; chemische Umsetzungen, die damit Hand in Hand gehen; all dies und anderes treffen wir an und entdecken schließlich vielleicht mehrere Strombündel, die durch lange Zellfortsätze, motorische Nervenfasern, zu gewissen Armmuskeln fließen, welche uns daraufhin zögernd und zitternd die Hand zum langen Abschied reichen, während andere Strombündel eine Drüsensekretion anregen und Tränen das traurige Auge umfloren.

Nirgends aber auf diesem ganzen Wege treffen wir die Persönlichkeit an, stoßen wir nirgends auf das Herzweh und die bange Sorge, die diese Seele bewegen und wovon die Wirklichkeit uns doch so gewiß ist, wie wenn wir sie selbst erlitten – und das tun wir ja auch.

Das Bild, das die physiologische Analyse uns von irgendeinem anderen Menschen entwirft, und wär es unser nächster Freund, erinnert mich frappant an Poes Meisternovelle von der „Maske des roten Todes“. Ein junger Prinz hat sich mit seinem Gefolge auf ein einsames Schloß zurückgezogen, um der furchtbaren Seuche zu entfliehen, die im Lande wütet und der „rote Tod“ genannt wird. Nachdem die Herrschaften sich dort die ersten Tage der Abschließung auf diese und jene Art vertrieben haben, wird ein Tanzfest arrangiert, ein Maskenball, selbstverständlich nur für die Insassen des Schlosses. Eine der Masken, ein hochgewachsener Mann, hat sich tief verschleiert und ganz und gar in scharlachrot gekleidet. Er stellt ganz offenbar allegorisch die Seuche dar, den „roten Tod“. Schon dieser freche Mutwille läßt jedermann erschaudern, außerdem weiß niemand, wer es ist, man fürchtet einen Eindringling, man weicht ihm aus, zieht sich von ihm zurück. Aber endlich, um den Bann zu brechen, nähert sich der roten Maske ein Verwegener, und mit plötzlichem kühnen Ruck reißt er Gesichtsmaske und Kopfschleier fort. Es zeigt sich, sie waren leer.

Nun, unsere Schädel sind nicht leer, aber was sich darin vorfindet, so interessant es ist, ist doch wahrhaftig nichts, wenn es um Gefühlswerte und das Erleben einer Seele geht. Dies gewahr zu werden, mag uns im ersten Augenblick erschüttern. Wir überwinden den Schrecken aber leicht, wenn wir bedenken, daß die Überlegung ja genauso auf uns selber zutrifft – und doch ’sind‘ wir. Bei tieferem Nachdenken liegt sogar ein Trost in dieser Erkenntnis. Wenn Sie vor dem entseelten Leichnam eines nahen Freundes stehen, den Sie schwer vermissen werden, ist es eher tröstlich zu wissen, daß dieser Leib ’nie wirklich‘ der Sitz seiner Persönlichkeit war, sondern nur symbolisch oder semantisch, nicht vielmehr als eine richtige Briefanschrift oder Telefonnummer.

All dies wurde gesagt von dem Standpunkt aus, daß wir die altehrwürdige Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt akzeptieren. Zwar müssen wir das im täglichen Leben „aus praktischen Gründen“ tun, aber mir scheint, wir sollten sie im philosophischen Denken aufgeben. Es sind die gleichen Gegebenheiten, aus denen die Welt und mein Geist gebildet sind. Die Welt gibt es für mich nur einmal, nicht eine existierende ‚und‘ eine wahrgenommene Welt. Subjekt und Objekt sind nur eines. Man kann nicht sagen, die Schranke zwischen ihnen sei unter dem Ansturm neuester physikalischer Erfahrungen ausgefallen; denn diese Schranke gibt es überhaupt nicht.“

Aus: Erwin Schrödinger, Geist und Materie, Zürich 1989

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