Lebensqualität

freude

 

Gesundheitsbezogene Lebensqualität (Health-Related Quality of Life, HRQoL) ist ein multidimensionales „Konstrukt“ aus physischen, psychischen und sozialen Dimensionen und schließt deutlich mehr ein als lediglich Aussagen zum individuellen Gesundheitszustand. Wesentliche Orientierung ist hierbei die subjektive Wahrnehmung durch den Probanden.

Die Definition der WHO lautet: „Lebensqualität ist die subjektive Wahrnehmung einer Person über ihre Stellung im Leben in Relation zur Kultur und den Wertsystemen in denen sie lebt und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen.“

Über die Frage, welche Bereiche zur Lebensqualität zählen, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Nach einer grundlegenden WHO-Definition umfasst Lebensqualität in Anlehnung an „Gesundheit“ das körperliche, psychische und soziale Befinden eines Individuums (WHO 1949). Mehrere Autoren betonen, dass Lebensqualität weniger die objektive Verfügbarkeit von materiellen und immateriellen Dingen umfasst, sondern den Grad, mit dem ein vom Einzelnen erwünschter Zustand an körperlichem, psychischem und sozialem Befinden auch tatsächlich erreicht wird.

Lebensstandard drückt das reale Niveau des Besitzes und Konsumierens von Gütern und Dienstleistungen aus und ist als quantitative Größe objektiv messbar. Demnach wird damit der materielle Wohlstand und das physische Wohlbefinden für einen Menschen, eine soziale Gruppe, einer sozialen Schicht, eines bestimmten Gebietes oder eines Staates vergleichbar gemacht.

Wird der Bezugsrahmen auf nicht-wirtschaftliche und schwer messbare Bedürfnisse wie soziale Zugehörigkeit oder Selbstverwirklichung erweitert, spricht man von Lebensqualität (aus Sicht der Gesellschaft) oder Wohlbefinden (aus Sicht des Einzelnen).

Aus: Wikipedia ‚Lebensqualität‘

Lebensqualität wird also ‚wissenschaftlich‘ definier- und messbar gemacht, und damit ‚objektiviert‘:

  • Lebensqualität ist dann kein „weiches Kriterium“, sondern ein
    international etablierter Parameter
  • Lebensqualität ist dann mit wissenschaftlichen Methoden verläßlich
    messbar
  • Es gibt aber nicht „den Einen“ Lebensqualitätsfragebogen, die Auswahl des geeignetesten Instrumentes hängt von einer Reihe unterschiedlichster Faktoren ab
  • Es gibt aber klare Qualitätsanforderungen an die Messung, die erfüllt sein müssen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen

Wer aber bestimmt die ‚Qualitätskriterien‘ von Lebensqualität?

Wenn  – wie oben angeführt – ‚die subjektive Wahrnehmung durch den Probanden‘ das relevanteste Bestimmungsmerkmal von ‚Lebensqualität‘ ist, dann erhebt sich die Frage, inwiefern der Begriff  LEBENSQUALITÄT ‚objektivierbar‘ ist, und was das bedeuten soll – und kann.

Diese Frage spielt aber in den Debatten um Lebensqualität heute eine untergeordnete Rolle.Es ist zu vermuten, dass dieses Ausblenden nicht zufällig passiert: wird doch Qualität in allen Lebensbereichen heute primär als >Grad des Besitzen- und Konsumierenkönnens von Industrieprodukten und Dienstleistungen< gesehen (QUALITÄT = subjektiver Nutzen und messbare Güte von Produkten und Dienstleistungen). Eine seltsam verkürzte Sicht der Dinge!

Frage:

Wenn ich z.B. die Qualität eines Apfels feststellen will, was muss ich denn dazu tun? Er kann wunderschön aussehen (ein Qualitätsmerkmal?), er kann teuer sein (auch ein Qualitätsmerkmal?), er kann in der Werbung auch hoch gelobt werden, mir von Freunden dringend ans Herz gelegt werden,. etc. etc. – wann weiß ich, wie der Apfel schmeckt und wie er wirkt? Das meinen wir doch alle, wenn wir von der ‚Qualität dieses Apfels‘ reden, oder?

Nur dann, wenn ich in ihn reinbeisse; und wenn ich – falls er mir schmeckt – öfter hintereinander regelmäßig iß (‚An apple a day keeps the doctor away‘). DER BEWEIS DER QUALITÄT DES APFELS IST DAS ESSSEN DES APFELS.

Dieser ’subjektive Faktor‘ in jeder Qualitätsbestimmung kann nicht weiter ‚objektiviert‘ werden. Dieser ’subjektive Faktor‘ wird in allen Qualitätsdefinitionen zwar rhetorisch beschworen, in der weiteren Qualitätsdebatte dann aber de facto fast völlig negiert. Das einmalige Essen (Kosten) des Apfels ist zwar eine notwendige Bedingung für mein Qualitätsurteil, hinreichend für mein ‚fundiertes Qualitätsurteil‘ ist dieses ‚einmalige hineinschmecken‘ aber noch nicht (ich kann nur sagen, ober er mir geschmacklich zusagt, oder auch nicht; das sagt aber über die ‚Qualität‘ des Apfels noch wenig aus: derselbe Apfel kann verschiedenen Personen verschieden gut schmecken, und über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten). Es muss noch etwas hinzu kommen, was mehr ist als der Ausdruck ’subjektiver Vorlieben‘.

Und dieses ‚mehr‘ ist ‚Geschmacksbildung‘, Kennerschaft:
„Als Connaisseur (frz. connaître, kennen) bezeichnet man einen Kenner, insbesondere im kulinarischen und im künstlerischen Bereich. So werden etwa in der Wein-Szene die professionellen Verkoster und engagierten Amateure als Connaisseure bezeichnet. Aber auch in anderen Bereichen, so etwa bei Zigarren oder bei Kaffee, gelegentlich auch im musikalischen Bereich wird von einem Connaisseur gesprochen, wenn man damit ausdrücken will, dass sich eine Person durch jahrelange Erfahrung und besondere Hingabe einen feinen Geschmack und beste Kennerschaft erworben hat.“

UND DIESE KENNERSCHAFT HAT NICHT NUR FÜR DEN BEREICH DER ‚FEINSPITZE‘ GELTUNG, sie ist Voraussetzung für jede Qualitätsbestimmung, ganz besonders auch im Bereich von gesunder Lebensführung, von gesundheitsbezogener Lebensqualität.

Ohne ‚Übung‘ in ‚qualitätssteigernder Lebensgestaltung‘ durch die ‚Probanden‘ selbst, ohne Tun und Reflektieren des Getanen in ‚Kennerrunden‘, ist eine Verbesserung der LEBENSQUALITÄT nicht zu erreichen.

Genau das wird aber in allen Qualitätsdefinitionen systematisch ausgeblendet! Wir sollen zu ‚guten Konsumenten‘ vorgefertigter (Gesundheits-) PRODUKTE ‚erzogen‘ werden – das ist die Funktion dieser reduktionistischen und in sich widersprüchlichen Qualitätsdefinitionen.

Vergleiche dazu Henry David Thoreau: Wenn Tag und Nacht so sind, dass man sie freudig begrüsst, und das Leben nach Blumen und süßen Kräutern duftet, wenn es federt, strahlt, unsterblich ist – das ist Erfolg. Die ganze Natur beglückwünscht Dich, und du hast guten Grund, dich für diesen Augenblick glücklich zu preisen.” (Aus: Walden or, Life in the Woods, 1854)

Es geht also auch um das, was man Lebensstil nennt, um den ‚way of life‘, den man führt; also geht es auch um ‚Lifestyles of Health and Sustainability‘ – seltsam, dass diese zentralen Aspekte in all den Qualitätsdefinitionen nicht erwähnt werden!!

Nein, nicht seltsam, nur konsequent. ‚Gute Konsumenten‘ vorgefertigter Produkte und Dienstleistungen sollen sich keine solchen Gedanken machen.*  Geschäftsschädigend!

brav sein

*Vgl.dazu: „Es gibt vier universale subjektive Faktoren, die auch einen hohen Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen mit Behinderung und der worklife quality der Fachkräfte haben: Kompetenzerleben, Autonomie, soziale Eingebundenheit und Sinn.“ – ‚Das Konzept Lebensqualität‘. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik Jg.18, 3/12, S. 28, http://www.klq.at/klq/cgi-bin/ViewDownloadsExec.pl?targetid=526&fileid=1147

 

 

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