‚Ich bin‘ nicht ‚in der Zeit‘ – es ist genau umgekehrt: alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis

Wer Ohren hat zu hören , der höre! Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören, noch verstehen;und es wird an ihnen die Weissagung Jesaias‘ erfüllt, welche sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen.“

Matthäus 13:9-16

„Es gibt nichts in der Welt, was so sehr imstande wäre, einem Menschen über innere Beschwerden oder äußere Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, wie das Wissen um eine spezifische Aufgabe, das Wissen um einen ganz konkreten Sinn, nicht im Großen seines Lebens, sondern hier und jetzt, in der konkreten Situation, in der er sich befindet.“

Victor Frankl

 

Man sieht sich für gewöhnlich als  ein ‚in der Zeit‘ befindliches Lebewesen, mit bekanntem Geburts- und noch unbekanntem Sterbedatum; diese Sicht erscheint einem völlig ’selbstverständlich‘, denn man löst ja Probleme ‚in der Zeit‘ (und alles Leben ist ja bekanntlich fast ständig ‚Probleme lösen‘) und im Leben ‚braucht immer alles Zeit‘, alles ‚dauert‘. Wenn es um die Manipulation von Objekten geht, dann ist diese Sicht auch vollkommen richtig – selbiges gilt auich fürs Erlernen von Fähigkeiten, für das Zurücklgen von Entfernungen etc. Man lebt ja als Körper unter anderen Körpern in einer 4-dimensionalen Raumzeitwelt.

Das ist aber nicht alles. Das ist nur der ‚gewöhnliche‘, der pragmatische  Blick auf sich und die Welt. Es gibt noch einen völlig anderen Blick, und auf den bezieht sich der Evangelist, wenn er sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen.“

Den wenn es um die eigene Identität geht, um das, was man ‚eigentlich selber ist‘, dann liegen die Dinge plötzlich völlig anders. Man betrachtet sich selber für gewöhnlich als ‚Person‘ mit einer Geschichte (‚Biographie‘), als ein bewusstseinsfähiges Wesen ‚in der Zeit‘. Als solches befindet man sich ‚in Entwicklung‘, d.h. man betrachtet sich ‚entwicklungspsychologisch‘, historisch (geworden). Und man wird jeden Tag älter, Geist und Körper, werden alt. Zumindest ist das die übliche Sicht- und Erlebnisweise von ’sich selbst‘. Und es  gibt für menschliche Lebewesen statistisch die ‚durchschnittliche Lebenserwartung‘, die Lebensphasen, die ‚Lebensalter‘. Man kann seine ‚Lebenserwartung‘ statistisch ‚ausrechnen‘:

Die Uhrzeit ist dabei aber nicht das Problem (die Versicherungsmathematik ist vollkommen stimmig), sondern die Sicht auf uns selber: man sieht sich nämlich dabei als ‚zeitlich bestimmtes Wesen‘. Das ist aber ein grundlegender Irrtum. ‚In Wahrheit‘ liegen die Dinge nämlich genau verkehrt herum: Zeit und Raum sind ‚mentale Kategorien‘, keine eigenständigen Entitäten. Im Tiefschlaf, im Koma, in der Ohnmacht leben wir ’nicht in der Zeit‘, weil dann die Raum-Zeitkategorien nicht aktiv funktionieren, weil diese in diesen Mentalzuständen ’supendiert‘ sind. Und in Traum- und Trancezuständen sind Zeit und Raum seltsam verzerrt und ‚verrückt‘. Man muss nur ein paar Gläschen Wein trinken, und schon ’sieht die Welt ganz anders aus‘. Das muss doch etwas bedeuten? Ja, das tut es auch. Aber was?

Noch einmal fragt der ‚Realist‘ in jedem von uns: Was ist dann aber mit uns ‚in der Realitat der Zeit‘? Nach jedem Rausch erwachen wir doch mit einem ‚Kater, oder?. Und wir altern doch? Das ist alles leider keine Einbildung, oder? Ja, der Körper altert, auch unser Geist (alte Menschen werden dement, Erinnerungen gehen verloren, die Sinne werden schwach) nicht aber unser ‚ICH‘, unsere wahre Identität (welche die Wahrnehmung des ‚Da-Seins‘ ist, und diese – und nur diese – bleibt sich durch alle Lebensalter hindurch ‚ident‘, nur diese altert nicht!!!!). Was ist dann aber mit unserer Biogrphie? Man nimmt doch die  gespeicherten Erinnerungen als das ‚Wesentliche der Person‘. Daher die Bedeutung des Erlebten, des abgespeicherten Erlebten.

Biographie – die ‚eigene‘ Lebensgeschichte: diese ist nichts als ein Plot, eine ‚erfundene‘ Geschichte, eine Fiktion, die Geschichte einer fiktiven Identität; nämlich  die Erzählung dessen, was dieser Körper-Seele-Einheit (die ich als ‚zu mir gehörig‘ erlebe) bis jetzt zugestoßen ist, also die Erinnerungen, mit denen man sich identifiziert.  Es gibt aber auch eine andere Art der Selbsterkundung, der Selbstbetrachtung. Nämlich die Sicht auf sich selber aus der Perspektive der Zeitlosigkeit, aus der ‚Präsenz‘ heraus. Kaum jemand übt heute noch diese ‚passive‘ Kunst des ‚wohlwollend neutralen‘ Schauens auf sich und die anderen. Wir sind nämlich immer so ‚aktiv‘, so beschäftigt. Sorry, ich habe zu tun!

Diese Art zu Schauen und zu erzählen löst aber die Identifikation mit dem Erlebten, man hebt die Identifikation mit dieser Pseudoidentität auf, die man für gewöhnlich als sein ‚ICH‘ betrachtet (denn es gibt nicht die ‚eine wahre Geschichte‘ dieses ‚ICHS‘, es gibt ja unendliche viele Versionen und Facetten davon; aber wer interessiert sich heute schon für sein ‚Sein als Vielfältigkeit, als ‚unendliches Potential‘?  Heute trainieren wir ‚Flexibilität‘ und ‚Vielseitigkeit‘ als ‚jemand Bestimmter‘, Niemand weiß aber genau, wer dieser Bestimmte nun ‚wirklich‘ ist….).

Solches sponatane und mediatitve Erzählen und Schauen funktioniert – wie gesagt –  ‚lösend‘, ja geradezu ‚erlösend‘. Es lösen sich die ‚Selbstverständlichkeiten‘ auf. Und Erzählen und Gehörtwerden bilden dann eine Einheit. Bewusstsein drückt sich dann spontan aus, redet also zu sich über sich selber – und nicht als eine ‚fiktive Entität‘ zu anderen solchen Entitäten, welche geboren wurden und sterben werden. Solches Erzählen wirkt ‚heilsam‘ und ‚heilend‘: das Erleben des Seins wird zum Leben, zum Erleben der Einheit in Vielfalt und der Einheit des Lebens als Vielfalt. ‚Ich‘ bin alle und alles und zugleich niemand und nichts. Meine ‚Lebensgeschichte‘ beinhaltet alle und alles, die ganze Menschheit, den ganzen Kosmos: sie ist dann nämlich ein ‚Aspekt‘ des zeitlosen Ganzen. Sie ist eine Geschichte in der unendlichen Fülle menschlicher Geschichten, ohne bestimmbaren Anfang und ohne bestimmbares Ende. Also eine Version des ‚Lebenstraums‘ von 1000 und einer Nacht….

Denn für  gewöhnlich  reden wir wie im Traum, allerdings im ‚privaten‘ Lebenstraum, den wir aber zumeist fälschlicherweise für die ‚Wirklichkeit‘ selber halten. Unser Erleben, und unser Erzählfluss kommt aber ‚in Wahrheit‘ ständig aus dem Nichts, das ‚Alles‘ ist, und mündet wiederum in dieses Nichts. Und zwar nicht ‚irgendwann‘, sondern genau JETZT. Der Eindruck, dass wir es hier mit einem ‚Fluss‘ zu tun habe, ist aber trügerisch; genau das ist ja der ‚traumhafte‘ Aspekt des Ganzen.

Man kann es auch so sagen:

Ich bin eigentlich ganz anders, ich komm nur so selten dazu. Man kann das übersetzen in: ‚An und für sich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu. Ich bin nämlich die meiste Zeit in einem ‚Für-mich-Modus‘, d.h. ständig beschäftigt mit der Aufrechterhaltung eines fiktiven, aber mir heiligen Selbstbilds, welches sich fast ständig gegen eine feindlich gesinnte Umwelt behaupten muss.‘

Man basteltet unaufhörlich an der Wahrung und Verbesserung dieser ‚fiktiven Identität‘, für die man sich hält und von anderen gehalten wird, und verfehlt dadurch seine ‚wahre Identität‘ (als das ‚Präsent‘ sein, ‚reine Achtsamkeit‘).

Die eigene Biographie ist also nichts ‚Fertiges‘, sondern die Aktualität des Erzählens in Form des aktuellen Tuns zusammen mit anderen (jeden Augenblick des Lebens schreibt sich nämlich die Geschichte des Lebens weiter fort), es ist eine sich ent- und einfaltende Geschichte. Was man als ‚fertige Geschichte‘ erzählt oder konstruiert, das ist die erfundene Geschichte einer ‚fiktiven (weil konstruierten) Wesenheit‘. Man kann aber jede Lebensgeschichte so erzählen, das sie ‚offen‘ bleibt, denn jedes individuelle Leben hat eine letztlich unbestimmbare Vorgeschichte und unbestimmbare ‚Ränder‘ und ‚Fransen‘ in der Gegenwart. Auch das Weiterwirken der der fiktiven Entität nach ihrem Verschwinden (‚Tod‘) ist nicht vollständig bestimmbar……

Die so erzählte Lebensgeschichte ist dann eine Metapher, ein Gleichnis.Aber Ein Gleichnis wofür? Ein Gleichnis für das, was nicht sagbar ist, nämlich das Leben selbst. F. Kafka hat dazu treffend folgendes angemerkt:

Von den Gleichnissen

Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber«, so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«

Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.«

Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«

Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«

Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.«

P.S.:WIR TAUMELNDEN

„Ein Gedankenexperiment: Der Leser soll sich vorstellen, er wisse nichts vom Mord in Sarajevo, von der Schlacht an der Somme, vom Börsenkrach, von der Reichspogromnacht, von Auschwitz, Stalingrad, Hiroshima, den Gulags, Vietnam oder der Berliner Mauer. Er soll vielmehr die Jahre von 1900 bis 1914 ohne die langen Schatten der Zukunft sehen, sie allein als lebendige Momente in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit und vor allem mit ihrer noch immer offenen Zukunft betrachten.“

„Unsicherheit, Terror, Globalisierung: Die Welt rast ins Unbekannte, die Menschen sind nervös – Philipp Blom beschreibt die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als die unsrige.“

 

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