Joachim Ernst Berendt: Vom Hören der Welt

Joachim Ernst Berendt widmete sich dem Hören und Lauschen. Das Ohr, das sensibelste Sinnesorgan, hört vor der Geburt und schaltet nach dem Sterben als letztes Organ ab.

Das erste Kapitel befasst sich mit dem Hören und Horchen, vom ersten und letzten Hören. Joachim Ernst Berendt befasst sich mit den Erkenntnissen und Beobachtungen des ehemaligen Hals-Nasen-Ohren-Arztes, Professor Dr. Alfred Tomatis, aus Paris. Die Aussagen über das sensibelste unserer Sinnesorgane sind beeindruckend.

Variationen über das Hören

Bereits sieben Tage nach der Befruchtung der weiblichen Eizelle und einer Gesamtgröße des Embryos von acht Millimetern sind mit mikroskopischen Untersuchungen erste Ansätzr den Ohren erkennbar. Schon nach vier Wochen ist das Innenohr vollständig ausgebildet. Es ist das einzige Organ, welches lange vor der Geburt des Kindes seine endgültige Größe erreicht hat. Unabhängig von der Tatsache, dass das Hörorgan bereits voll ausgebildet ist, dauert es noch rund viereinhalb Monate bis zur Geburt. Berendt schlussfolgert, dass das es bereits vor der Geburt hören möchte.

Aus der vorangegangenen Schlussfolgerung ergibt sich die nächste Frage, was der Embryo hören will. Eine der Antworten lautet: Die Mutter, ihren Herzschlag, alle Geräusche, die im Mutterleib zu hören sind, alles, was in ihr strömt. Vergleichbares wurde auch in der Tierwelt von Conrad Lorenz beobachtet. Noch im unversehrten Ei können Küken die Stimmen der Eltern von denen anderer Vögel unterscheiden.

Das Ohr schaltet als letztes Organ nach dem Sterben ab

Berendt geht weiter und befasst sich auch damit, wie lange wir hören. Dabei stößt er auf die Ergebnisse der Schweizer Sterbeforscherin Elisabeth Kübler Ross. Auch hierbei unterscheidet sich der Hörsinn von allen übrigen Organen, denn er erlischt als letzter, wenn die übrigen Sinne schon längst nicht mehr aktiv sind.

Die Gedankengänge gehen weiter und treffen auf die Wissenschaft vom Sein, die Ontologie, und stellt in diesem Zusammenhang die Aussage Descartes „Ich denke, also bin ich.“ in Frage. Schließlich beinhalte diese Aussage die Reduktion von Sein und Existenz lediglich auf ein Achtel des gesamten Körpers, den Kopf. Der gesamte Reichtum, der in der Einheit von Körper und Seele innewohnende, sei seit rund 300 Jahren zu Gunsten des Denkens und zu Lasten des ganzheitlichen Empfindens vernachlässigt worden. Obwohl jeder die Erfahrung kenne, mit dem Glück der Liebe am Intensivsten zu leben und dessen Intensität unmittelbar nachlasse, sobald darüber nachgedacht werde.

Das Ohr ist das sensibelste Sinnesorgan

Das Innenohr eines Embryos besitzt dreimal so viele Haarzellen zur Aufnahme von hohen, also weiblichen Schwingungen, wie Haarzellen zur Aufnahmen von tiefen, wie den männlichen Schwingungen. Es ist erwiesen, dass der Embryo die tiefe Stimme seines Vater nicht hören kann, auch wenn er noch so dicht an die Mutter herantritt. Diese Fähigkeit wird erst kurz vor der Geburt ausgebildet. Diese Tatsache hinterfragt Joachim Ernst Berendt unter dem Aspekt der Evolution. Von einer wissenschaftlichen Antwort darauf möchte er in dem Fall absehen, da die Wissenschaft ausschließlich Antworten gebe, die die Gesellschaft von ihr hören möchte. Berendt schließt nicht aus, dass vielleicht aus diesem Grund diese Frage auch nach 300 Jahren, dem heutigen Höhepunkt des Patriachats, noch unbeantwortet sei.

Musikalisch Begabte sind oft Mehrfachtalente

Da die werdende Mutter demzufolge mit vier anstelle von zwei Ohren höre, solle sie ihrem Kind auch etwas zum Hören geben. Es wurde ebenfalls beobachtet, dass ein Embryo sich besonders gern bewegt, wenn die Mutter Musik hört. Wie eine wissenschaftliche Studie des Bonner Wissenschaftsministeriums herausfand, entspringen der Sinn für Mathematik und Logik der gleichen Quelle wie der Sinn für Obertöne und musikalische Zusammenhänge. Leistungsfähigkeiten in verschiedenen Bereichen werde hierdurch auch gefördert. Es ist auch mehrfach bewiesen, dass besonders musikalisch Begabte oftmals Mehrfachtalente sind. Auch mit Hörtraining können eventuelle Schwächen korrigiert werden. Der sensibelste aller Sinne könne damit Bereiche hören, die dem Auge verschlossen bliebe.

Das Rauschen in den Zellen, der Klang des Seins

Das äußere Ohr gleicht bereits einer Muschel, doch das Innenohr um ein Vielfaches mehr. Hier scheine es, als säßen große und kleine Muscheln über- und nebeneinander.

Berendt stellt auch die These auf, dass sich Kinder beim Lauschen an einer Muschel an das Urrauschen im Mutterleib erinnern, die vertrauten und wohligen Geräusche aus einer behüteten Welt. Sie erleben ein akustisches Deja Vue. Hier greift er die Beobachtungen des Pariser Hörforschers Alfred Tomatis auf und setzt das Rauschen in den Zellen mit dem Klang des Seins, des Lebens, gleich. Tomatis hinterfragt weiter, warum das Gehör so empfindlich geworden sei, wenn es sich doch auch wie alle anderen Sinne vom Derben zum Feinen entwickelt hat. Warum müsse es dann alles andere, die akustischen Abfallprodukte, auch hören, wenn es dem Hörsinn doch lediglich auf das Rauschen der Zellen ankommt? Die Antwort liegt in dem Vermögen der Wahrnehmung, denn um das Urrauschen wahrnehmen zu können, müsse das andere auch mitgehört werden. Die Schlussfolgerungen und Theorien von Joachim Ernst Berendt gehen weiter: Wenn dem Hörsinn eine derart hohe Empfindlichkeit gegeben wurde, dann liege der Sinn dieser Evolution darin, sie zu dehnen und die Fähigkeit zu entwickeln, der Stille zu lauschen. Da in der Evolution nichts ohne Sinn geschieht, könne die nächste Schlussfolgerung sein, dass dies eine notwendige Entwicklung zum Überleben sei.

Quelle:Joachim Ernst Berendt: Vom Hören der Welt – Muscheln in meinem Ohr – Variationen über das Hören, 5 CDs, Verlag Zweitausendeins.

Ein bekannter Zen-Koan lautet: „Was ist der Ton einer klatschenden Hand?“ – Der Stille lauschen: was hören wir dann? NICHTS. Das NICHTS, das ALLES ist, unendliches Potential. Das Ur-Rauschen des Seins zwischen und jenseits all der konkreten Manifestationen des Seins hören können: darauf kommt es an:

Nichts. Alles.

Alles und Nichts.

Weder Alles noch Nichts.

WENN WIR SO HÖREN, DANN HÖRT SICH DER KOSMOS – das SEIN -.SELBST. Dann sind wir nicht vom SEIN ‚getrennt‘ Hörende, die ‚etwas‘ hören, sondern das Hören selbst. In solchem Hören überschreiten wir Raum und Zeit, ohne Raum und Zeit zu verlassen.

Mit einem Wort: EKSTATISCHES HÖREN!

Von ἔκστασις ékstasis „das Außersichgeraten, die Verzückung, das Aus-Maß“ von ἐξ-ίστασθαι ex-histasthai „aus sich heraustreten, außer sich sein“. Für alle, welche gelernt haben, den Ton einer klatschenden Hand zu  hören, der Normalzustand des Seins. Für solche sind die herkömmlich ‚Normalen‘ ständig ‚außer sich‘, nämlich gefangen in ihren EGO-Blasen…..

Und diese EGO-Blasen machen – primär einmal ‚Lärm‘. „Lärm ist hörbarer Abfall“ sagt Berendt. „Der primär hörende Mensch hätte es nicht dazu kommen lassen, dass Lärm unseren Alltag durchzieht. Er hätte es nicht ertragen können. Er kann es nicht ertragen“ …..Lärm komme von ‚all’arme‘, französich: Zu den Waffen!. Heute würden wir ständig alarmiert, durch den allgegenwärtigen Lärm; dieser sei aber nur der hörbare Ausdruck unserer egozentrischen Alarmiertheit,  Ausdruck unserer ständigen innerlichen Kampfbereitschaft. Die meisten Menschen heute seien ’sound junkies‘, erotisiert von Lärm und Explosionen…..Lärm ist ‚geil‘! Die völlig Verkehrung des  o.a. ‚ekstatischen Hörens‘, des Eins-Seins mit der Natur.

Die Dominaz des ‚Seh-Sinns‘ seit der Renaissance

sehpyramide

„Richten wir jedoch unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Perspektive. Wir sagten, dass sie der Ausdruck par excellence für das ist, was sich im 15. Jahrhundert im Bewusstwerdungsprozess des europäischen Menschen abspielte: sie ist der vollkommen plastische Ausdruck für die Bewusstwerdung des Raumes, für seine Objektivierung; durch sie wird nicht nur der Raum sichtbar gemacht und in das taglichtige Wachbewusstsein gehoben, durch sie wird auch der Mensch selber als Mensch sichtbar; wir wiesen bereits darauf hin, dass in der Malerei Giottos und Masaccios zum ersten Male diese sichtbar werdende Erfassung des Menschen zutage tritt. Die Perspektive, deren Erlernung und deren allmählicher Besitz ein Hauptanliegen des Renaissancemenschen gewesen war, bringt außer der Erweiterung des Weltbildes in der durch sie bewirkten Räumlichung gleichzeitig eine Verengerung zum Ausdruck, an deren Folgen wir heute leiden. Denn perspektivisch sehen oder denken heißt: räumlich fixiert sehen und denken. Wir wiesen schon verschiedentlich auf die jeder Perspektivierung innewohnende Gegensätzlichung hin; sie fixiert sowohl den Betrachter als das Betrachtete; ihre positive Folge ist: sie konkretisiert sowohl den Menschen als den Raum; die negative Folge ist: sie stellt den Menschen in einen Teilsektor, so dass er nur dieses Teilsektors ansichtig wird: er löst aus dem Ganzen nur jenes Stück heraus (wie Petrarca aus dem bloßen Land die Landschaft), das sein Blick oder sein Denken umfassen kann, und vergisst der daneben, darüber oder der möglicherweise auch hinter ihm liegenden »Sektoren«; damit ist die Anthropozentrik gegeben, welche die einstige Theozentrik, wie man sie nennen könnte, ablöste. Der Mensch, er selbst nur ein Teil der Welt, räumt diesem Teil und damit der ihm selber nur möglichen Teilansicht die beherrschende Stellung ein: damit erhält der Sektor dasÜbergewicht über den ganzen einschließenden Kreis; es erhält der Teil das Übergewicht über das Ganze.“

„Die Grundlage des perspektivischen Weltbildes ist die Sehpyramide, jene von den Augen ausgehenden zwei Strahlen, die sich im angesehenen Objekt treffen: das Bild des herausgeschnittenen Sektors, der Subjekt und Objekt mitsamt dem dazwischenliegenden Raum erfasst. Piero della Francesca bringt diesen Sachverhalt deutlich zum Ausdruck in einem Satz, der in der Übersetzung Dürers lautet: »Das Erst ist das Aug, das do Sicht, das Ander ist der Gegenwurf, der gesehen wird, das Dritt ist die Weiten dozwischen.« Panofsky kommentiert diesen Satz wie folgt:

»Sie [die Perspektive] schaffte den Körpern Platz, sich plastisch zu entfalten und mimisch zu bewegen [was der Raumentdeckung gleichkommt], – aber sie schafft auch dem Lichte die Möglichkeit, im Raum sich auszubreiten [Hellwerden des Raumes ist Bewusstwerden des Raumes] und die Körper malerisch aufzulösen; sie schafft Distanz zwischen den Menschen und Dingen.« Distanzierung aber ist stets ein Kennzeichen sowohl von bewusst werdender Objektivierung als auch von der ihr vorauf gegangenen, sie ermöglichenden Entäußerung und Freisetzung innerer Gegebenheiten, die in der Außenwelt wiedergefunden und realisiert werden. Auch aus diesem Beispiel mag hervorgehen, in welchem Maße die Perspektive sinnhaftester Ausdruck für eine ganze Epoche ist. Sie ermöglicht – und das ist ihr Hauptanliegen – die »Durchsehung« und damit die Erfassung und Rationalisierung des Raumes. übrigens sagt das Wort Perspektive selbst diesen Sachverhalt aus, und Dürer weist darauf hin, wenn er schreibt: ››Item Perspectiva ist ein lateinisch Wort, bedeutt ein Durchsehung.« Sie ist eine Durchsehung des Raumes und damit eine Bewusstwerdung des Raumes. Dabei tut es nichts zur Sache, ob man nun die Interpretation Dürers akzeptiert, der das lateinische Verbum perspicere, von dem sich »Perspektive« herleitet, mit »durchsehen« übersetzt, oder ob man Panofsky folgt, der dieses Verbum mit »deutlich sehen« wiedergibt: beide Interpretationen laufen auf das gleiche hinaus, weil die Bewusstwerdung des distanzierenden Raumes ein deutliches Sehen voraussetzt, wobei die Steigerung des Bewusstseins wiederum ein Anwachsen des persönlichen Ichbewusstseins mit sich bringt.“

Aus: Jean Gebser, Einbruch der Zeit, S. 47f, Hrg.: Rudolf Hämmerle, Novalis 2008, Schaffhausen

 
 
 
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