„Mit den eigenen Neurosen beschäftigen“

Wer nicht weiß, für was er steht, wird keinen Erfolg haben – harte Worte einer Frau, die es wissen muss. Warum für Manager der schwerste Weg oft der zu sich selbst ist, erklärt Dorothee Echter. Im Interview spricht die Topmanagement-Beraterin über unsichere Manager, die innere Stimme und den Sinn von Pausen.

Frage: Frau Echter, wo finden Topmanager in unsicheren Zeiten wie diesen Orientierung?
Dorothee Echter: Bei sich selbst. Jede und jeder muss seine Richtung von innen finden, sollte sich nicht zu sehr von seiner Umwelt beeinflussen lassen. Er oder sie darf keine Selbstzweifel haben.
Frage: Klingt gefährlich.
Echter: Wieso? Es geht hier ja nicht um Sturköpfigkeit, sondern um eine Persönlichkeit, die für etwas steht. Die sich selbst vertraut, eigene Werte hat – und damit Stärke ausstrahlt. Das ist auch für die Mitarbeiter ungeheim wichtig. Wer nicht weiß, für was er steht, kann das auch nicht kommunizieren.
Frage: Ein ungewöhnlicher Ansatz für Manager, die sich ja primär nach außen orientieren: Sei es am
Wettbewerbsumfeld, den Aktionären, der Corporate Identity …
Echter: Es ist schwer. Aber es ist der einzige Weg. Denn Sicherheit von außen gibt es nicht mehr, also muss ich sie von innen suchen.
Frage: Ist das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht?
Echter: Weder noch. Klar war es früher gemütlicher, aber auch weniger emanzipiert. Heute habe ich größere Freiheitsgrade. Das bedeutet aber auch, dass man Misserfolge schlechter auf andere schieben kann, niemand mehr verantwortlich machen kann für sein eigenes Scheitern.
Frage: Das klingt durchaus schwierig: Wie findet eine Führungskraft denn diesen eigenen Weg, diese eigene Richtung, von der Sie sprechen?
Echter: Das geht in der Tat nicht so ganz einfach. Ich erlebe es in meiner Praxis häufig, dass sehr dienstleistungsorientierte Manager, zum Beispiel Unternehmensberater, das überhaupt nicht wissen. Wenn
die in das Management einer Firma wechseln und ich sie frage „Was wollen Sie? Was ist Ihr Ziel?“, dann sagen die so Dinge wie „Den Kunden zufrieden zu stellen“ oder „Synergieeffekte erzielen“. Das ist aber nicht die Antwort.
Frage: Sondern …?
Echter: Es geht darum, was die Führungskraft als Person antreibt, was ihre „executive mission“ ist. Zum Beispiel ist jemand gegen Verschwendung und möchte die Umwelt schonen. Das bedeutet, er möchte sein Unternehmen möglichst nachhaltig und umweltfreundlich ausrichten. Das ist seine Messlatte, danach richtet er seine Unternehmensführung aus. Und macht es somit sich und seinen Mitarbeitern wesentlich einfacher, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Frage: Um seine eigene Mission zu finden, bedarf es viel Selbstreflexion. Und so richtig meditativ ist so ein Manageralltag ja nicht.
Echter: Was Topmanager lernen müssen, ist Pausen zu machen. Führungskräfte brauchen eine mentale Frische, einen unvoreingenommen Geist, gerade weil sie ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Wer ständig nur von einem Termin zum nächsten hetzt, setzt die falschen Prioritäten.
Frage: Eine Woche lang barfuß über den Tau wandern und mit Blumen sprechen?
Echter: Nein, Blumen helfen nicht weiter, hochkarätige Gesprächspartner, denen man vertrauen kann, schon eher. Die Menschen müssen sich mit ihren eigenen Neurosen beschäftigen, sich selbst auf die Schliche kommen. Nicht umsonst boomen deshalb Spiritualität und Philosophie derzeit so. Und sie müssen einfach Platz und Zeit zum Denken haben.

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/verunsicherte-chefs-mit-den-eigenen-neurosen-beschaeftigen-a-751624.html

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