FOCUSING – “WO NOCH WORTE FEHLEN”

Sprache ist in einer Weise tief im menschlichen Körper verwurzelt, die allgemein nicht verstanden wird. Sprache besteht nicht nur aus den Wörtern. Die Situationen, in denen wir uns befinden, der Körper und die Sprache bilden zusammen ein einziges System. Sprache ist implizit im menschlichen Lebensprozess. Die Wörter, die wir sagen müssen, kommen direkt vom Körper. Ich habe ein körperliches Gefühl von dem, was ich im Begriff zu sagen bin. Wenn ich den Kontakt dazu verliere, kann ich es nicht sagen. Wenn ich den körperlichen Sinn von dem habe, was ich sagen möchte, dann muss ich nur meinen Mund öffnen und auf die Wörter vertrauen, die kommen. Sprache ist tief in der Art verwurzelt, wie wir physisch in unseren interaktiven Situationen existieren.

Die gewöhnlichen Situationen in einer Kultur haben alle ihre passenden Sätze, eine Auswahl der möglichen Redensarten, die man brauchen könnte. Die Worte bedeuten die Wirkung, die sie haben, wenn sie in einer Situation angewendet werden. Unsere Sprache und die allgemeinen Situationen bilden zusammen ein einziges System. Diese
körperliche Verbindung zwischen Worten und Situationen ist jedoch genau so wichtig, wenn die Situation ungewohnt ist und wenn, was gesagt werden muss, keine festgelegten Worte und Sätze hat.

Alle lebenden Körper erzeugen und implizieren ihre eigenen nächsten Schritte. Leben heisst: die nächsten Schritte erzeugen. Der Körper weiss auszuatmen, nachdem er eingeatmet hat, und nach Nahrung zu suchen, wenn er hungrig ist. Und, in einer neuen Situation kommen neue nächste Schritte vom Körper. Sogar eine Ameise auf einer flockigen Wolldecke kriecht auf eine seltsame Weise, in der sie vorher nie gekrochen ist. Wenn wir etwas fühlen, das nicht ins allgemeine Repertoire passt und doch gesagt werden möchte, impliziert der Körper neue Tätigkeiten und neue Sätze.

An jedem Punkt des Prozesses können wir feststellen, dass die Explizierung eines felt sense überhaupt nicht willkürlich ist. Obgleich es eher um die Erzeugung neuer Begriffe geht, als nur um reines Kopieren oder Darstellen von bereits Gegebenen, sind seine impliziten Bedeutungen sehr präzise. Die vielfältigen Beziehungen zwischen
Fühlen und Sprechen sind bis jetzt nicht eingehend untersucht worden, weil nur nach Darstellungen gesucht wurde. Indem ich genau diese Beziehungen zwischen Empfinden und Sprechen anwendete, um sie zu studieren, habe ich diese Studienrichtung initiiert und bis zu einer gewissen Tiefe entwickelt. Hier möchte ich nur sagen, dass deutlich erkennbar ist, wie es den Körper weiter trägt, sobald man dieses „Sprechen-von“ einmal erfahren hat. Obwohl man dann in der Lage wäre, vieles zu sagen und viele neue Unterscheidungen zu treffen, zieht man es vor, stecken zu bleiben und still zu sein, bis Sätze kommen, die den felt sense weiter tragen. – Gene Gendlin

Introduction to Thinking At the Edge

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