Merkmale einer ‚freien Seele‘

Die Ausformulierung der vier ‚Kardinaltugenden‘ gehen zurück auf den griechischen Philosophen Platon (+ 347 v. Chr.). Er ordnet die vier Kardinaltugenden den vier Seelenvermögen zu, so wie er sie unterscheidet:

  • Klugheit
  • Gerechtigkeit
  • Tapferkeit
  • Mäßigkeit

Die Klugheit ist dann dem Erkennen zugeordnet, sofern in ihr die Erkenntniskraft in praktischer Hinsicht betätigt wird, die Gerechtigkeit ist dann dem Willen zugeordnet, sofern sie dem Willen die feste Richtung auf das erkannte Rechte gibt, die Mäßigkeit ist dann zusammen mit der Tapferkeit dem Affektleben zugeordnet, sofern die Tapferkeit das aufbegehrende Affektleben oder die leidenschaftliche Aktivität in Ordnung hält und die Mäßigkeit das begehrende Affektleben. Platon versteht alle anderen Tugenden als Teiltugenden einer dieser vier Tugenden.

Diese 4 Tugenden können nicht als solche direkt ‚trainiert‘ werden. Sie sind quasi das ‚Nebenprodukt‘ einer ’schönen Seele‘, d.h. einer Seele, welche ’sich selbst erkannt hat‘ – quasi die Folgen der Einsicht in das ‚wahre Selbst‘. – Es gibt nichts Gutes, außer man tut es (d.h. die zu erledigende Aufgabe lautet: ERKENNE DICH SELBST!).

„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ „ Der Weg zu Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ „ An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Das sind die Sätze einer Verantwortungsethik: die klassische Tugend der Klugheit erhält im Zeitalter der Säkularisierung den Namen ‚Verantwortungsethik‘.

Max Weber’s Definition von Verantwortungsethik:

„Wir müssen uns klarmachen, daß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: ‚Der Christ tut recht und stellt den Erfolg anheim‘ – oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Verantwortungsethik

Klugheit (‚Prudentia‘):

‚The pre-eminence of prudence means that realisation of the good presupposes knowledge of reality. He alone can do good who knows what things are like and what their situation is. The pre-eminence of prudence means that so-called ‚good intentions‘ and so-called ‚meaning well‘ by no means suffice. Realisation of the good presupposes that our actions are appropriate to the real situation, that is to the concrete realities which form the „environment“ of a concrete human action; and that we therefore take this concrete reality seriously, with clear-eyed objectivity.‘

This clear-eyed objectivity, however, cannot be achieved and prudence cannot be perfected except by an attitude of ’silent contemplation‘ of reality, during which the egocentric interests of man are at least temporarily silenced.

Only on the basis of this magnanimous kind of prudence can we achieve justice, fortitude and temperantia, which means knowing when enough is enough. ‚Prudence implies a transformation of the knowledge of truth into decisions corresponding to reality.“ What, therefore, could be of greater importance today than the study and cultivation of prudence, which would almost inevitably lead to a real understanding of the three other cardinalvirtues, all of which are indispensable for the survival of civilisation- – Aus: Fritz Schuhmacher, Small is Beautiful

Probleme und Grenzen einer solchen Bestimmung von Verantwortungsethik:

Ein Problem für das Handeln entsprechend der Verantwortungsethik ist die oft mangelhafte Voraussagbarkeit bzw. Abschätzbarkeit der Folgen und Ergebnisse.

Ein weiteres Problem ist das Fehlen einer einheitlichen Hierarchie von Werten. Verantwortungsethiker unterschiedlicher Schulen bzw. philosophischer Richtungen bzw. Kulturen können also zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine für alle Handelnden einheitliche ‚letztgültige Gesinnung‘ – als Voraussetzung für das Ausüben von Verantwortungsethik – kann und wird es nie geben können. Werte sind immer ‚relativ‘ definiert, ‚absolute‘ Werte sind nicht  ‚definierbar‘ (Wittgenstein).

Ein weiterer Kritikpunkt liegt in der Irreversibilität der Folgen. Man kann gar nicht für die Folgen seines Tuns aufkommen, wenn das jetzige Tun die Lebensgrundlagen künftiger Generationen vernichtet bzw. das eigene Leben vernichtet (z.B. Suizid). Was soll in diesen Fällen ‚aufkommen für die Folgen seines Handelns bedeuten‘?

Fehlendes ‚Ultimate Criterion‘:

„Einerseits sind die einzelnen Ziele in übergeordnete Zielhierarchien eingebettet, andererseits schafft die Zielerreichung (und die dazu eingeschlagenen Wege) selbst Bedingungen, die das System ihrerseits wiederum beeinflussen. Die Einbettung jeder Teilzielerreichung innerhalb eines Ursache-Wirkungssystems hat zur Folge, daß die Bewertung der Zielerreichung (bzw. der dafür eingesetzten Maßnahmen) nicht am jeweiligen Teilziel allein, sonder nur innerhalb des Gesamtbeziehungsnetzes erfolgen kann. Diese Vernetzung von Kausalbeziehungen läßt eine >endgültige< Bewertung einer Maßnahme erst dann zu, wenn das System, auf das diese Maßnahme einwirkt, nicht mehr besteht. Konzentriert man sich etwa auf einen Einzelmenschen, so kann man erst nach dessen Tode  feststellen, welche (und wie zu bewertende) Folgen eine bestimmte Maßnahme tatsächlich auf sein ganzes Leben bezogen hatte. Für die Gesamtgesellschaft müßte man sogar bis zum Aussterben der Menschheit auf eine >endgültige< Bewertung warten (siehe dazu das <Ultimate Criterion>, Thorndike, 1949). Schon aus diesem Grund ist es unmöglich, mit empirischer Fundierung letztendlich gültig den Effekt einer Maßnahme zu bewerten.“ (Wottawa/Thierau, Evaluation. Huber, Bern 1990, S. 15)

Fazit:

“… clear-eyed objectivity, however, cannot be achieved and prudence cannot be perfected except by an attitude of ’silent contemplation‘ of reality, during which the egocentric interests of man are at least temporarily silenced.”

Noch ein paar Worte zu ‚ethischem Handeln‘ in der heutigen Zeit…..

Unser ‚pragmatische‘ Zeitgeist will es so, dass unter ‚ethischem Handeln_ etwas höchst ‚Unzeitgemäßes‘, etwas ‚Unpraktisches‘ gemeint ist. Das war nicht immer so.

Ethisches Handeln galt im Abendland über zwei Jahrtausende als lebensnotwendiges Handeln. Ethisches Handeln war ‚tugendhaftes Handeln‘;  und damit war etwas höchst Praktisches gemeint:  Das heute fast ausgestorbene Wort ‚Tugend‘ stammt von ‚Tauglichkeit‘ ab, und mit ‚Tauglichkeit‘ meinte man ein ‚spezifisches Vermögen‘, also das, was man heute mit ‚Können‘ bezeichnet. Jedes Ding und jedes Lebewesen ‚kann‘ etwas. Aus Menschensicht (die ja immer noch gilt): ein Messer schneidet, Wasser stillt den Durst, ein Gift tötet, usw. usf.

Man sieht, die ‚Alten‘ gingen da ganz praktisch an das Leben heran. Da erhebt sich dann sogleich die Frage: ‚Und was vermag der Mensch?‘ Nun, er vermag ‚menschlich zu handeln‘, und dieses ‚menschliche Handeln ist tugendhaftes, ethisches Handeln‘.

„Nichts ist so schön und ehrenhaft, als wahrhaft, und wie es sich gehört, ein Mensch zu sein“, schreibt der an der Wende vom Mittelalter zur Moderne lebende Michel Montaigne in seinen ‚Essais‘. Diese Sicht konkretisiert B. Spinoza in seiner ‚Ethik‘ folgendermaßen: „Unter Tugend und Kraft verstehe ich dasselbe; das heißt Tugend, sofern sie auf den Menschen bezogen wird, ist die Wesenheit des Menschen oder seine Natur selbst, sofern es in seiner Gewalt steht, etwas zu bewirken … .“

Selbstverständlich wurde in der Moderne diese überkommene ‚Wesensschau‘ in ‚objektivierendes wissenschaftliches Erkennen‘ verwandelt – und damit ‚Erkenntnis‘ von ‚Ethik‘ getrennt. Zwischen ‚Sein‘ und ‚Sollen‘ wurde ein abgrundtiefer und unüberwindlicher Graben errichtet (siehe ‚Hume’sches Gesetz‘ und ‚Naturalistischer Fehlschluss‘). Das unterscheidet ‚modernes Denken‘ von ‚vormodernem Denken‘. Deshalb trainieren wir heute ein ‚Können‘, erwerben wir ‚technische Kompetenzen‘, welche als ‚ethisch neutral‘ betrachtet werden.

Aus dem was ‚ist‘ kann nicht auf das, was sein ‚soll‘, geschlussfolgert werden: so lautet das moderne Credo. Dieses Credo war der moderne Todesstoß gegen die traditionelle Einheit von ‚Sein und Sollen‘, gegen die traditionelle praktische Sicht von ‚Tauglichkeit als Vermögen‘. Damit wurde Ethik wesentlich zu einer ‚rein persönlichen Angelegenheit‘ degradiert, ‚nice to have‘ und sicherlich ‚ehrenhaft‘ und ‚ehrenwert‘, aber eher sehr ‚verzichtbar‘, wenn hinderlich im ökonomische und machtpolitischen Wettbewerb. Ethisches Handeln ist damit wesentlich ‚unpraktisch‘ geworden. Seltsam, wie sich der Sinn dieses Wortes und dessen, worauf es deutet, in der Moderne quasi unter der Hand in sein Gegenteil verkehrt hat. Rückblickend wirkt diese Verwandlung des Ethischen in etwas ‚rein Persönliches und Privates‘ wie das Ergebnis eines gigantischen ‚Zaubertricks‘.

Was ist da historisch passiert?

Nun, diese Geschichte kann man nachlesen. Sie ist gut dokumentiert. Und es ist eine höchst interessante Geschichte, weil eine höchst folgen- und aufschlussreiche. Wir Heutigen finden uns nämlich immer öfter in der unbequemen und unehrenhaften Rolle überwältigter ‚Zauberlehrlinge‘ wieder (Jeder  kennt ja das berühmte Goethe-Gedicht, oder? ‚Hat der alte Hexenmeister / sich doch einmal wegbegeben / und nun sollen seine Geister / auch nach meinem Willen leben …..‘ ).

Aber die meisten ‚spät- oder postmodernen‘ Menschen leben immer noch ganz fasziniert im Bann des ahistorischen Zaubers der Moderne* und haben – so geblendet – die Vor- und mögliche Nachgeschichte der Moderne beinahe völlig vergessen.

Dazu passt perfekt Jura Soyfers ‚Lied vom einfachen Menschen‘ (geschrieben in der Zeit zwischen den beiden gro0en Weltkriegen):

Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden’s eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen.
Aber sind wir heute Menschen? Nein!

Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls.

Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tief entmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!

Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.

Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt’s dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien?
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!

Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!

______

* In Bezug auf sein Wissen, in Bezug auf seine Verantwortlichkeit für sich und die Zukunft der Menschheit und neuerdings der ganzen Lebenssphäre und der Ökosysteme unseres Planeten ist der Mensch verantwortlich. Relative Macht – und gerade auch Zerstörungsmacht – erzeugt eine besondere Verantwo rtung für jene Wesen und Systeme, die von den technischen Eingriffen, u. U. von dem Nichteingreifen abhängig sind. Natur wird insoweit zum Gegenstand menschlicher Verantwortung.
Die Säkularisierung aller Lebensbereiche, die experimentelle Naturwissenschaft, der technische Zugriff – alle diese Entwicklungen führten in ihrer Gemeinsamkeit dazu, dass der Kosmos, die Welt, als Macht- und Machfeld, als Material, als Wirkbereich des Menschen ve rstanden wird – und als eben sonst nichts. Es ist und bleibt eine sehr einseitige Sicht, das Weltall ausschließlich als Maschine zu analysieren, selbst wenn ursprünglich diese Maschine zum höheren Ruhme Gottes diente. Gott aber wurde dann immer mehr an den Rand gedrängt, he rausgedrängt, verdrängt. Die Mechanisierung des Weltbildes und die explosive Ausweitung der technischen Verfahren, Erzeugnisse und Systeme sowie der technologischen Macht führten zu einem gleichsam, wie man sagen könnte, technokratischen Naturverhältnis. Die Natur scheint den technokratischen Möglichkeiten des Menschen und der technischen Machbarkeit unterworfen, für beliebige Ziele einsetzbar, ausnutzbar. Diese technokratische Modell kommt jetzt – für jeden sichtbar – an seine Grenzen.

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