Menschliche ‚Kernkompetenz‘

Vornehmste Aufgabe von ‚Konfliktreglern‘, Beratungslehrer/innen, Moderator/innen, etc: „die Zugänge zwischen den Menschen offenhalten. Sie sollten imstande sein, zu jedem zu werden, auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten. Ihre Lust auf Erfahrung anderer von innen her dürfte nie von den Zwecken bestimmt sein, aus denen unser normales, sozusagen offizielles Leben besteht, sie müsste völlig frei sein von einer Absicht auf Erfolg oder Geltung, eine Leidenschaft für sich, eben die Leidenschaft der Verwandlung: zu fühlen, was ein Mensch hinter seinen Worten ist, der wirkliche Bestand dessen, was an Lebendem da ist, wäre auf keine andere Weise zu erfassen. Es ist ein geheimnisvoller, in seiner Natur noch kaum untersuchter Prozess und doch ist es der einzige wahre Zugang zum anderen Menschen.“

 

Die menschliche Psyche – Daniel Stern hat immer wieder darauf hingewiesen – ist ‚narrativ strukturiert‘. Sie strukturiert alles Erleben entlang der Frage: „Wer tut was mit wem, warum und wie?“

Man sieht, diese Frage ist immer nur kontextuell zu beantworten, nie ‚grundsätzlich‘. Das Leben ist eine Bühne, und jeder hat auf ihr seine Rolle zu spielen. Wer hat aber das Drehbuch geschrieben? Das Leben schreibt das Drehbuch. Das Leben erfindet die Geschichten – die Bühne, die Requisiten, die Schauspieler, das Publikum, etc.

Das Leben ist eine großartige ‚Show‘!!!!

Grundlegende Erzählformen:

  • die magisch-mythische Erzählung
  • die rationale Erzählung (abstrahierende, abstrakte Erzählungen)
  • die relativierende-dekonstruierende Erzählung.

Ja, auch das logische Schlussfolgern ist eine Form der Erzählung: eine rationale Erzählung, d.h. ‚zählendes Erzählen‘. Man erkennt den Erzählcharakter kaum mehr, weil sich der Erzähler in der rationalen Methode versteckt hat, sich mit dieser identifiziert hat.

Die narrative Grundstruktur der menschlichen Psyche macht halt unendlich viele Erzählformen möglich. Jede Erzählung verweist wiederum auf andere Erzählungen, auf den Kontext aller möglichen Erzählungen. Und nochmals, ganz grundsätzlich: jede Erzählung ist eine Fiktion. Denn die Grundstruktur der menschlichen Psyche ist ‚fiktiv‘, d.h. auf ‚Phantasie‘ beruhend, und ‚Phantastisches‘ bewirkend. Wir handeln und erleben auf Basis unserer ‚Einbildungen‘.

Kreatives Erzählen kommt den Sache des Lebens somit am nächsten. Es weiß, dass nie ‚alles‘ erzählbar ist, das meiste nur angedeutet werden kann. Erzählungen kommen damit auch nie zu einem Ende…..sie gehen weiter, immer weiter, ohne Ende, … weiter geht’s, immer weiter geht‘s…..jede Erzählung ist eine Metapher des Wirklichen, nie die Wirklichkeit selbst: sie verweist auf Aspekte des Wirklichen, macht diese sicht- und damit bewusst erlebbar.

Wenn es gelingt, das eigene Leben als Erzählung zu sehen, wobei das Leben selbst sowohl der Autor als auch das Publikum selbst ist, dann ist man der ganzen Sache ziemlich nahe gekommen. „Das Bewusstsein des Einzelnen ist das Bewusstsein der gesamten Menschheit.“ J. Krishnamurti wurde nicht müde, immer wieder auf diese Tatsache hinzuweisen. Es meint, dass man nicht der Autor seiner ‚persönlichen‘ Taten und Gedanken ist, sondern dass man vom Leben gelebt wird. Man ist alle Personen, alle Erzählungen …. und zuvorderst das Potential für alles Erzählen und Zuhören.

Jeder Mensch hat ‚seine Geschichte‘ zu leben; lebt er sie, dann ist er geistig und psychisch gesund. Lebt er sie nicht, verirrt er sich im Labyrinth der Geschichten, findet er sich in anderen Geschichten wieder, statt in der seinen; dann verliert an Lebenskraft, wird körperlich, seelisch und geistig krank. Das Leben findet in dieser Erzählung nicht jenen Ausdruck, den es braucht, um ‚ganz‘ zu sein, d.h. ‚heil‘. Es ist dann ein ‚verletztes Leben‘, eine angstauslösende Erzählung. Eine verwirrende Erzählung, welche die Zuseher und Zuhörer verwirrt……..

Die expliziten Erzählungen haben also ihr Fundament in der Tiefenstruktur aller Erzählungen, im unendlichen Potential kreativer Phantasie. Wenn  Erzählungen dieser Quelle entspringen, welche die Wirklichkeit selbst ist, das ‚reine Bewusstsein‘ jenseits aller Dualismen, dann sind Erzählungen heilsam. Und diese ‚implizite Erzählstruktur‘ (Tiefenstruktur) ist nichts anderes als ‚freischwebende Achtsamkeit‘, ‚wohlwollende Neutralität‘. Jedes Baby hat dieses Potential. Es muss sich aber entfalten. Und es kann sich nur in freier und kreativer Resonanz ganz entfalten. Jeder Mensch muss seinen Lebensweg finden, seine ihm bestimmte Erzählung verkörpern.

Dann ist er glücklich. Dann ist er mit sich und der Welt in Frieden.

Weil wir aber heute in einer fast vollkommen verkehrten und verdrehten Welt leben, deshalb gibt es fast nur verwirrende Erzählungen; gibt es massenweise neurotische und psychotische Menschen, die sich über solche verkehrten Erzählungen definieren. Ja, wir leben in einer verkehrten Welt; aber die meisten wissen es nicht. Und selbst, wenn dieses Wissen dämmern sollte, dann wird damit immer noch nicht gewusst, wie man das Krumme wieder gerade macht. Fast alle ‚Begradigungsversuche‘ machen alles noch verkehrter und krummer.

„Krümm Dich und verbieg Dich, damit Du Deinen Weg durchs Leben findest!“ – so lautet die geheime Devise. Offiziell gilt natürlich: Orientierung am Wahren, Guten und Schönen. Am Nützlichen. Am Glückbringenden.

Aber die offizielle Doktrin ist Selbsttäuschung, denn es gibt heute fast nur unglückliche Menschen. Wer ist schon zufrieden mit dem, was er hat? Wer wandelt schon auf seinem Lebensweg? Wer lebt ohne innere und äußere Konflikte? Wer führt schon ein ‚stimmiges Leben‘?

Es gibt sie, aber es sind wenige.

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