Eigenzeiten der Seele und des Sozialen

Im Erleben unserer Seele herrschen eigene Zeitgesetze, die mit gemessener Zeit nichts zu tun haben. Unsere Gefühle bringen ihre Zeiten mit, und sie lassen sich nichts vom Verstand dreinreden. Sie kommen, wann sie „wol-len“, nicht wann wir es wollen,- ebenso gehen sie auch nach ihrem Dafürhalten. Unser Verstand kann hier zwar ein wenig steuern, uns vor plötzlichen Überraschungen schützen, er kann sie auch ignorieren, abschaffen, unterdrücken wollen. Ersteres ist wohl anzuempfehlen, letzteres macht eindimen-sional oder krank. Dort und da will man auch versuchen, Ge-fühle in ihrem Vergehen zu beschleunigen, aber auch das hat Grenzen. Was zu schnell verabschiedet wurde, kommt gleich wieder bei der anderen Tür herein, man wird es nicht los. Man kann sich auch vornehmen, sich nicht zu ärgern, nicht traurig zu sein, also Gefühlen keinen Zeitraum in näherer Zukunft zu gewähren. Selten gelingt dies. Und wenn, dann auch nicht mit dem erwarteten Erfolg. In unseren Gefühlen, durch unsere Seele wird unser Verstand daran erinnert, daß wir Leben, Leib sind.

Übergänge
Der Verstand ist schnell überall, das Denken hat ortlosen Charakter. Es ist daher oft ungeduldig mit seinem ortsansäs-sigen Leib, der langsamer ist und sich in anderen Zeitrhyth-men bewegt. Immer wieder versucht er seinen Einfluß auszu-schalten, uns zur Rationalität zu ermahnen. Oft aber muß er zur Kenntnis nehmen, daß sich Gefühle nicht durch Ratio und Logik hinwegdisputieren lassen. Man mag zwar mit guten Gründen gegen sie argumentieren, nur, es nützt nichts. Nach dem Tode eines nahen Angehörigen war es früher üblich, den Hinterbliebenen ein Trauerjahr zu gewähren. Der Trauemde machte dies auch durch Kleidung und Trauerschleife nach außen kenntlich. Damit war für andere erkennbar, daß er mit noch etwas anderem beschäftigt sein durfte als mit dem gewöhnlichen Alltag. Dieser Brauch ist aus der Mode gekommen, getrauert wird unsichtbar und versteckt, so als würde man sich dafür schämen. Ein Jahr mag eine lange Zeit sein, für unsere allzeit bereiten leistungswilligen Werktätigen. Ihre Einsatzbereitschaft darf nicht durchkreuzt oder gar von außen in Frage gestellt werden können. Wie sich aber zeigt, ist oft ein Jahr recht kurz, und die Zeit wird länger, je weniger wir sie uns nehmen. Ein Jahr muß noch einmal durchgegan-gen werden, alle Jahreszeiten haben ihr Recht und müssen besucht werden. Der Abschied kann nicht anbefohlen werden, er wird auch nicht geschenkt. Man selbst ist durch die Trennung auch ein anderer geworden und braucht Zeit, sich neu zu entdecken.

‚Umstellungsartistik‘
Auch Freude und Genuß haben ihre Zeit und verarmen, wenn man ihnen diese nimmt. So haben sich die Menschen z.B. viele Rituale der „Vorfreude“ eingerichtet, um sich schon in ihr auf die kommende Freude vorzubereiten. Also sich schon einmal vorweg zu freuen. Ebenso gab es Zeit für Nachfreude, wo das Erlebte noch einmal vergegenwärtigt wurde. Unsere terminreiche Planung hat uns diese Rituale weitgehend genommen. Wir „plumpsen“ sozusagen von einem Ereignis ins nächste, übergangslos. Plötzlich sollen wir uns freuen, ge-nießen. Ohne Vorbereitung. Wir merken, es gelingt nicht so recht, das Erlebte wird dünner, die Freude eher Routine. Von der letzten Berufsbesprechung rasen wir mit dem Auto zum Theater, finden in letzter Minute den Parkplatz, werden gerade noch eingelassen. Bis wir so richtig angekommen sind, läuft bereits der zweite Akt. Ständig verlangen wir von uns Umstellungsartistik, volle Konzentration für die nächste Situation, auch wenn sie ganz eine andere ist. Doch auch wenn wir uns hier schon gut trainiert haben, ganz können wir es nicht vermeiden, daß eben Erlebtes nachhallt, uns in das nächste Er-eignis begleitet. Hier kann sich dann so einiges überlagern, gegenseitig zuschütten, vielleicht auch verstärken. Jedenfalls ist ständige Ablenkung möglich, wir sind nie ganz da. Freude und Genuß verlangen aber so etwas, sonst verlieren sie an In-tensität.

Ein anderer wissenschaftlicher Befund mag in dem Zusam-menhang aber doch interessant sein. Man hat sich nämlich oft gewundert, warum Menschen den Berufsverkehr – also Abend-und Morgenstau – trotz guter öffentlicher Verkehrsmittel im eigenen Auto, meist allein sitzend, in Kauf nehmen. Also weder die U-Bahn benützen noch Fahrgemeinschaften eingehen. Auch wenn in dieser Haltung langsam eine Wende einzutreten scheint, ein Motiv war und ist vielleicht immer noch wichtig: Die Autofahrer gaben nämlich fast übereinstimmend an, daß es ihnen wichtig sei, guttue, zwischen Beruf und Familie eine Ruhepause dazwischenzuschieben, wo sie mit sich allein sind, abklingen können, den Tag Revue passieren lassen. So gleich vom Beruf nach Hause, das ginge zu schnell, und die vielen Leute im Bus ließen zuwenig Nachdenklichkeit zu. Es geht also um Übergänge.

Aber auch innerhalb des Arbeitsprozesses wird zwar anerkannt, daß man für das gute Klima etwas tun muß, daß es sich nicht aus dem bloßen Funktionieren ergibt, die Zeiten dafür werden aber immer kürzer, weil sie Kosten verursachen. Da werden Arbeits- und Projektteams gegründet und sofort in Zeitdruck versetzt; um sich zu finden, ein „sozialer Körper“ zu werden, fehlt gleich von Anfang an die Zeit. Pausen werden gestrichen, man kann sich nicht mehr „austratschen“, Kan-tinen geschlossen, weil sie sich nicht rechnen. Der Bereich des Informellen, das inoffizielle „Schmiermittel“ aller Organisationen, wird immer kleiner. Zugleich wachsen Beschleunigung und Arbeitsdruck; man kommt nicht mehr nach und findet jede „soziale Unterbrechung“ störend. Freilich weiß man auch, daß sich diese Reduktionen der „Sozialzeiten“ rächen. Teams, die im Sozialen unterentwickelt sind, steuern sich schlecht und bringen oft suboptimale Ergebnisse,- oder sie verheddern sich in Konflikte, Rivalitäten, Autoritätsprobleme, die sie zu lösen nicht imstande sind, weil sie es nie für sich geübt oder ge-lernt haben. Die Unterdrückung kommunikativer Bedürfnisse führt ebenso zu Reaktionen, die u.U. gerade jene Zeit und noch mehr von ihr kosten, die man sich zu ersparen gemeint hat. In Kommissionen, Sitzungen, Arbeitsbesprechungen macht sie sich Luft in unendlicher Diskussionsfreudigkeit, in Be-schlußunfähigkeit, in Abschweifigkeit, in Selbstdarstellungsbe-dürfnissen. So manches „ungestillte Verlangen“ flüchtet sich in Gerücht und Intrige, um wenigstens dort eine soziale Welt zu errichten.
Wir wissen also sehr gut um unsere Defizite, es gelingt uns aber nicht, aus ihnen herauszukommen. Das Gegenteil findet eher statt: Aus ökonomischem Zwang, aus bestehender Wert-vorstellung heraus (Dominanz der „produktiven Erwerbsarbeit“) verkürzen wir soziale Eigenzeit. Unsere Bindungen werden loser, punktueller, auch hier ist die Tugend Flexibilität. Wahr-scheinlich aber auch unsere Sehn-Süchte größer und wilder, bereit zu radikaleren Ausbrüchen.

Aus: Peter Heintel, Innehalten. S. 92ff

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