Die erschöpfte Gesellschaft

„Menschen, denen das Träumen verwehrt wird, haben keine andere Heimat als den Wahnsinn.” – Heiner Müller

02.04.2013  ·  Deutschland ist vollkommen erschöpft – und auch noch stolz darauf, sagt der Psychologe Stephan Grünewald. Ein Gespräch über durchgeplante Freizeit, eine nicht aufbegehrende Jugend, unseren Kontrollzwang – und mögliche Auswege.

Hier zum ganzen Artikel

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“Die Weißen denken zuviel,
und dann machen sie viele Sachen;
und je mehr sie machen,
umso mehr denken sie.

Und dann verdienen sie viel Geld,
und wenn sie viel Geld haben,
machen sie sich Sorgen, dass
das Geld verloren gehen könnte
und sie keins mehr haben.

Dann denken sie noch mehr
und machen noch mehr Geld
und haben nie genug.

Dann sind sie nicht mehr ruhig.
So kommt es, dass
sie nicht glücklich sind.”

Ein Dorfchef aus Mali
[Mali ist ein seit 1960 von Frankreich unabhängiger Staat in Westafrika]

– Aus: Paul Parin u.a., Die Weißen denken zuviel (1963)

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Dazu sagt der Philosoph Hans-Joachim Lenger:

„Unverkennbar mehren sich die Zeichen, dass Kultur und Gesellschaft der Gegenwart in einen Zustand tiefer Erschöpfung eingetreten sind… sie könnte die Fundamente der heutigen Gesellschaft selbst berühren. Sie sucht deren Ökonomie heim, deren Politik und Kultur. Sie lässt alle Perspektiven einer Zukunft zerfallen, um sie durch eine Erfahrung tiefer Vergeblichkeit und Aussichtslosigkeit zu ersetzen, die sich beständig potenziert. Weit davon entfernt aber, nur gesellschaftlichen oder systemischen Charakter zu haben, offenbart sich diese Erschöpfung bereits im psychischen Haushalt der Einzelnen, im alltäglichen Befinden der Individuen…… In einer Kultur der Erschöpfung zählt der sofortige Genuss, die umstandslose Selbstverwirklichung, die Konsumtion ohne Aufschub, der Wechsel momentaner Befindlichkeiten….. Nicht zufällig verfallen Gesellschaft und Kultur in immer exzessivere Formen, in denen die Hektik unablässiger Neuerungen über diese tiefe Lähmung hinwegtäuscht.
Umso lauter gebärdet sich dann der Betrieb, umso bizarrer werden Zielvorgaben und Innovationen, umso maßloser geraten Forderungen und Absichtserklärungen, Versicherungen und Beschwörungen. Täglich sich überstürzende und überbietende Projekte suggerieren, man habe die Initiative keineswegs verloren. Der „rasende Stillstand“ wird zur Signatur des Geschehens; doch wird er seinerseits bereits begleitet von einer rätselhaften Entropie. Was man die „Politikverdrossenheit“ nennt,
die sich heute sogar zum „Vertrauensverlust“ verschärft haben soll, artikuliert nämlich nicht so sehr das Versagen oder die sogenannte Abgehobenheit einzelner Politiker.
Diese „Vertrauenskrise“ lässt mittlerweile keinen Bereich, keine Struktur, keine Institution mehr unangetastet. Sie steigt nämlich nicht einfach aus Gedankenlosigkeit auf. Sie korrespondiert einer Erschöpfung, die das Denken und die Kultur selbst erfasst hat……. Was sich hier zuträgt, dürfte mit der Logik der Akkumulation, mit jener Ökonomie der Kräfte selbst zu tun haben, der sich diese Kultur verschrieben hatte. Phänomene der Erschöpfung sind deren Symptom; doch so gesehen sind sie ebenso Konstellationen eines Übergangs, einer Transformation oder eines Umbruchs.

Nicht weniger steht dabei auf dem Spiel als das rätselhafte „Selbst“, sein Wille zur „Selbstverwirklichung“, der diese Kultur beseelte, ihre Apparate, Institutionen und Verfahrensordnungen ebenso beherrscht wie das Schicksal der Einzelnen. „Sei du selbst!“, „Entdecke dich selbst!“, „Finde dich selbst!“ – in diesem Imperativ steckt nicht nur das ultraliberale Versprechen einer individuellen Befreiung, sondern mehr noch eine unermessliche Drohung. Das „Selbst“, das sich da projektiert, könnte sich nämlich als unendliche Entleerung herausstellen. Und tatsächlich war es immer schon aus einem Missverständnis hervorgegangen. Jedes „Selbstgespräch“ setzt bereits Sprache voraus – und damit andere. Noch dort, wo sich dieses „Selbst“ als Singularität einer Entleerung erfährt, nimmt es einen Platz unter anderen Singularitäten ein. Es findet sich an einem Ort, der ihm nicht gehört hat und nicht gehören wird. Allein schon, „mit sich selbst“ zu sein, setzt nämlich einen Abstand voraus, der sich dem „Selbst“ mitgeteilt haben muss, ohne aus ihm hervorgegangen zu sein. Er setzt also Andere voraus, mit denen sich erst „selbst“ sein lässt, oder eine „Öffnung“, die jedem „Subjekt“ ebenso vorausgeht wie jedem „Selbst“……Inmitten dieser Erosionen löst sich zwar etwas auf, begibt sich jedoch ebenso auf die Suche, wirft Fragen auf und experimentiert. Da zeichnet sich etwas ab, was seine Sprache und seine Begriffe noch nicht gefunden hat, aber
hervorzubringen sich anschickt. Nicht mehr mitzumachen, den Selbstlauf der Dinge zu unterbrechen, ihn mit überraschenden Öffnungen zu übersäen – das könnten erste Formen sein, einer Logik der Erschöpfung zu entgehen.

Hier zum ganzen Manuskript des Beitrags von Prof. Lenger

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