Die Rolle der Scham bei der Konstitution von Persönlichkeit

Siehe auch: Die seelischen Nöte und ungestillten Bedürfnisse des modernen Menschen

Oder: ‚Shame on you’

„Ich wundere mich nicht, dass die Menschen böse sind, aber ich wundere mich häufig, dass sie sich nicht schämen.“ – Jonathan Swift

„Die Scham wächst mit der Erkenntnis des Bösen.“ – Jean-Jacques Rousseau

Ich bin mir in der Zwischenzeit ganz sicher, dass das, was wir unter ‚Scham‘ verstehen, eines der unausgeleuchtetesten Kapiteln der Psychologie ist. Scham, vermute ich, konstituiert das, was wir ‚unsere Persönlichkeit‘ nennen. ‚Verschämt‘ verstecken wir uns voreinander – und vor uns selbst. Diese Verschämtheit, vermute ich, liegt allen psychischen Erkrankungen zugrunde („Lieber verwirrt, als sich schämen müssen“ lautet ein altes jüdisches Sprichwort). Bevor man die Genese und Rolle von Scham bei der Konstitution von dem, was wir unsere ‚Identität‘ nennen, nicht versteht, kann man auch das Zustandekommen und die Heilung psychischer Erkrankungen nur sehr unvollkommen bis gar nicht verstehen, sage ich.

Canetti sagt in ‚Masse und Macht‘: „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“ Also die Identifikation mit kollektiv anerkannten Werten, mit anerkanntem Können und Wissen wäre dann das, was uns vor unserer Furcht vor dem Unbekannten befreit, welche auftaucht, sobald wir uns selber ‚fremd‘ werden, weil wir uns unserer Nacktheit als ‚Unvollkommenheit‘ schämen (‚Scham sei nur die Angst vor der eigenen Unvollkommenheit‘ habe ich mal wo gelesen, und dieser Hinweis hat mich sofort überzeugt). Also entsteht ‚Scham‘ genau dann, wenn ich mir meiner ‚Eigenheiten‘ bewusst werde, meines ‚Einzigartig-Seins‘, d.h. genau dann, wenn das ‚Selbst-Bewusstsein‘ zum ersten Mal aufblitzt (also das, was wir später ‚persönliche Autonomie‘ zu nennen gelernt haben, unser ‚Selbst‘)? Und setzt sich die Gesellschaft dann auf dieses zarte Pflänzchen drauf und benutzt das erste, zarte Schamgefühl, um mich wieder fort von mir selbst weg (als dem Unbekannten, welches sich langsam ‚entfaltet‘) in ihre rigiden Fangeisen zu zwingen? Oder ist’s genau umgekehrt? Fallen wir beim ersten bewusst werden unserer Selbst aus unserer Unschuld, wie es der christliche Paradies-Mythos haben will (der ‚Fall‘ der Seele)? Oder geht‘s so unchristlich zu, wie es Kleist in seinem berühmten ‚Marionetten-Theater‘ zum Ausdruck bringt?

Ja, es ist vermutlich der Keim und die Frucht dessen, was man Narzissmus nennt, welchen man gleichsetzen kann mit dem Aufblitzen der ersten Selbst-Bewusstheit, und die mit ihm einsetzende Eitelkeit, welche uns das originale ‚Schamerlebnis‘ beschert. Denn nur wer ein ‚Selbst‘ hat, der kann sich vor sich selbst und anderen ‚blamieren‘. Je pointierter das Selbst, desto größer die Gefahr der Blamage. Ein noch ‚blasses‘ Selbst hat ein noch kaum entwickeltes Schamgefühl (genau so, wie ein in Altersdemenz ‚verblassendes Selbst‘ auch wieder wenig Schamgefühl empfindet und zeigt).

Und jede Ordnungsmacht der Welt hat sich bis heute dieses zarte Schamgefühl und die mit ihm verbundene Eitelkeit und Angst vor Blamage zur Aufrechterhaltung ihrer Ordnung zunutze gemacht. Ja, so wird es vermutlich sein und ist vermutlich immer schon gewesen. In jeder menschlichen Kultur. Die ‚Bewusstwerdung des ‚Schämens‘ erinnerte uns also daran, dass wir ‚eitel‘ dabei sind, uns vor der ‚Härte der eigensten Verantwortlichkeit‘ (nämlich ganz unprätentiös, aber höchst eigenwillig die vom Leben uns je zugedachte Aufgaben zu erfüllen) zu drücken und uns stattdessen um einen bequemen Sonnenplatz in der Gesellschaft zu raufen beginnen?

„Solche Missgriffe, setzte er abbrechend hinzu, sind unvermeidlich, seitdem wir von dem Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist…….. Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“

Scham – das erste und letzte Kapitel der Welt.

Ja. So dürfte es sein. Das wäre ein ‚Erwachen‘ wert! Bevor wir da nicht durch sind, ist ‚psychische Gesundheit‘ eine Illusion. Was immer auch der eine Herr oder die andere Dame Psychologin oder Psychiaterin auch sagen, uns als Lösungswege vorschlagen mag….. .

Die Mainstream-Psychologie bezeichnet die oben dargestellten Phänomene bekanntlich als ‚narzisstische Störung‘. Von ‚Scham‘ wird allerdings in diesem Zusammenhang selten bis nie gesprochen. Wie eingangs gesagt, Scham und Eitelkeit sind die dunkelsten Kapitel der Psychologie-Geschichte. Über ‚Scham‘, so scheint es, schweigt die Psychologie in ‚vornehmer Verschämtheit‘……..

Wir sind heute alle ‚psychisch abgebrühter‘ (d.h. narzisstisch gestörter) geworden: „Früher wurde man rot, wenn man sich schämte, heute schämt man sich, wenn man rot wird“, las ich einst, von einem wachen Geist auf eine Betonwand gesprüht.

Scham – das erste und letzte Kapitel der Welt:

„Das Siegel der erreichten Freiheit: sich nicht mehr vor sich selber schämen.“ – Nietzsche

„……. es war als solle die Scham ihn überleben.“ – Kafka

Trauma in Form von massiver Beschämung durch Seelenblindheit

Léon Wurmser

„Fast seit Beginn meiner Arbeit mit Raubmördern und Räubern und Süchtigen und später in den psychoanalytischen Behandlungen der schweren Neurosen beschäftigten mich dieengen Verbindungen von Kindheitstrauma und Konflikt, nämlich ganz besonders wie diese Traumatisierungen sich spezifisch in ihrem Über-Ich zu verewigen scheinen und in der Destruktivität gegen das Selbst und Andere fortsetzen. Dabei scheint das emotionale Trauma in Form von massiver Beschämung durch Seelenblindheit an Wichtigkeit keineswegs hinter körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch zurückzustehen. Damit meine ich, dass das Kind nicht in seiner Identität, seinen Bedürfnissen und Gefühlen gesehen und gehört wird … .Systematisch nicht gesehen zu werden, verursacht tiefe Scham und damit Ressentiment und eine Anspruchsforderung, die gewaltige Auswirkungen haben.“

„Eine Kultur, die ihre Kinder missbraucht und blinden Gehorsam gegenüber der Autorität einbläut, schafft Suizidbomber und Attentäter.Sie erzeugt stets von neuem Trauma, ist aber selbst in historischem Trauma verwurzelt, v.a. im Sinne der Demütigung. Sie versucht, die durch unablässige persönliche Beschämung geschaffene und von historischen Kränkungen verstärkte Wut gegen einen äußeren Gegner abzulenken, gegen einen Feind, der eben jene Werte symbolisiert, die antithetisch all dem gegenüber stehen, was die Kultur an Ehre beansprucht und deren Defizienz sie tief als demütigend erlebt. Von einem psychoanalytischen Gesichtspunkt aus ist die Pathologie eines archaischen, schamorientierten Über-Ichs, das aus schwerer körperlicher und emotioneller Traumatisierung stammt, ebenso wichtig wie geschichtliches Unrecht, ökonomische Versagung, religiöser Fanatismus oder die durch die Moderne gestellte Überforderung. Einerseits wird der Schamanteil des Selbst auf das Opfer projiziert; dieses soll nun als Symbol für das Selbstbild von Schwäche und Opfertum gequält und zerstört werden. Anderseits wird das Über-Ich, dieser innere Richter, als strafende und vergebende absolute Autorität auf Führergestalten, auf Gruppen, die Terror inspirieren und organisieren, und besonders auf Gott projiziert. Terrorismus kann daher als eine bedeutende Form der Veräußerlichung des inneren Konflikts mit einem archaischen Über-Ich, das von alldurchdringendem Ressentiment beseelt wird,verstanden werden.
Die Geschichte des Terrorismus ist eine Erzählung von Scham und Ressentiment und ihrer Ausbeutung für Macht und Profit. Fanatismus ist einKampf gegen einen inneren Konflikt, ein Versuch, ihn gänzlich abzuschaffen. Der Konflikt wird „gelöst“ durch Spaltung im Freudschen Sinn: dem Nebeneinanderbestehen von Verleugnung und Anerkennung. Die eigene Identität wird durch ein unterjochendes, unerbittliches Über-Ich mit einem absolutistischen Ideal ersetzt.

Ein notwendiges Element darin ist die Abwehr durch Dehumanisierung des anderen, v.a. in der Form von „Kategorisierung“: Die Kategorie, der der Mensch zugehört, sei es Klasse, Nation, Religion, Rasse oder Geschlecht, wird als das Wesentliche hingestellt und der Person übergestülpt;ihr Eigenwert wird ausgeklammert. Die Kategorien von Freund und Feind, der Zugehörigkeit zur eigenen Identität und der des Fremden, werden den Personen aufgezwungen; man wird blind für ihren Eigenwert und ihr Dasein als Selbstzweck. Mit dem Sinn der erlittenen Seelenblindheit herrscht eine allgemeine Atmosphäre der Entmenschlichung aller Beziehungen, und besonders auch der Sexualität. Wenn Ressentiment, das ätzende Gefühl erlittener Ungerechtigkeit, sich mit dieser Konkretisierung verbündet, kommt es zu den ideologischen Massenkatastrophen. Die Ursache solcher Ressentiments wird gewöhnlich verschoben von dem, der die Verletzung zugefügt hat, auf weite Kategorien von Gestalten, die aus dem eigenen Inneren stammen.“

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Aus: Léon Wurmser, ‚Verstehen statt Verurteilen – Gedanken zur Behandlungschwerer psychischer Störungen’. Festvortrag des Jubilars anlässlich derVerleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt Universität Berlin am 7. Juli 2004

Anhang: Über das Marionettentheater (Kleist)

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