Balancieren, Zentrieren

„Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein Vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.“ – Franz Kafka

Was genau bedeutet ‚zentrieren‘, ‚balancieren‘?

Lassen Sie mich das am Beispiel ‚Beratung‘ erläutern. Damit sich Berater, Psychotherapeuten etc. ‚psychisch gesund erhalten‘ und gleichzeitig kreativ bleiben, braucht es ein Verfahren, welches mit dem Wort ‚Zentrieren‘ bezeichnet wird. Was ist das für ein Verfahren?

Eugen Gendlin  (er ist bekanntlich, der Nachfolger des Erfinders der ‚klientenzentrierten Gesprächstherapie’, Carl Rogers) hat eindrücklich dargelegt, dass es  zwei grundlegende Tatsachen (‚Geheimnisse‘) gäbe, deren sich jeder Berater / jede Therapeutin bewusst sein sollte [1]:

„Tatsache 1

Wenn ich mit auf meinen Berater-Sessel setze, weiß ich, dass jeder Beratungsprozess ein großer Prozess ist. Der geht ziemlich von selber. Dazu ist es aber nötig, dass jemand auf dem Berater-Sessel sitzt, dass also ein Mensch da ist. Dieses Da-Sein ist ein ganz bestimmtes Gefühl, das ich gerne beschreiben möchte. Wenn dieses Gefühl da ist, dann kommt die passende Beziehung zwischen Berater und Klient ziemlich von selbst zustande.

Ich setze mich also hin, und schiebe alle meine Sachen auf die Seite.

Meine eigenen Probleme und Gefühle und die Stimmung in der ich gerade bin, und alles was mir fehlt, das kommt alles da hin (links neben mich). Auch alle Techniken die ich kenne, stelle ich dorthin.

Und dann bin ich da. Denn ich weiß: Wenn ein anderer Mensch da ist, dann ist alles verändert. Was immer die andere Person da gerade durchleben und durchmachen muss, wenn jemand da ist, dann wird’s schon gehen.

Dieses Da-Sein ist keine Kunst. Es ist etwas ganz Einfaches. Wenn man diese Einfachheit nicht kennt, glaubt man, das Da-Sein wäre etwas, das man langsam lernen muss. Aber das ist nicht so. Dieses Dasein besteht darin, dass ich mich nicht verstecke. Ich stelle alle meine Sachen auf die eine Seite und dann bin ich da….Am Anfang habe ich das nicht gekonnt. Da war ich viel zu ängstlich und es erschien mir so wichtig, das Richtige zu tun und der Richtige zu sein.

Und ich wusste doch: Der Richtige bin ich doch nicht. Jetzt weiß ich, dass es nicht darauf ankommt, wer das ist, sondern darauf, dass jemand da ist. IM AUGENBLICK, IN DEM EIN ANDERER MENSCH WIRKLICH DA IST, VERÄNDERN SICH DIE PROBLEME UND ALL DIE DINGE, DIE IM KLIENTEN DRIN SIND. Das ist ein Geheimnis, und diese Geheimnis kenne ich.

Tatsache 2

Das zweite Geheimnis ist vermutlich leichter zu verstehen: IN JEDEM MENSCHEN IST JEMAND DRIN. Es ist immer jemand drinnen. Die Person, die im Klienten oder der Klientin drin ist, diese Person, die dort drin wohnt, die kann man immer positiv fühlen. Diese Person die da drin wohnt, ist ja selber da mit ihren miserablen Sachen – genau so wie jeder andere Mensch – und muss mit diesen Sachen irgendwie auskommen, genauso wie ich mit meinen.

Wenn man auf das Verhalten, die Inhalte des Klienten reagieren muss, dann kann man nicht immer positiv sein. Denn dieser Inhalt ist oft ziemlich mies. Wenn ich aber auf die Person, die dort drinnen wohnt, reagiere, dann kann ich’s immer positiv. Was immer da mies ist, die Person selber muss versuchen, damit irgendwie klarzukommen. Und es ist immer jemand drinnen, der versucht, ein Leben zu führen. Auch bei Leuten, die den scheinbar einfachen Weg gehen und sich schlecht benehmen.

Daraus folgt: die positive Beziehung zwischen der Person des Beraters und der Klientin ist immer wichtiger als jede Methode. Dann geht der Beratungsprozess ziemlich von selber, dann wird gewusst, wann von mir als Berater welche Methoden anzuwenden sind (die ich natürlich kennen muss).“

Tatsache 3

Was uns Gendlin aber verschweigt, ist das dritte Geheimnis: dass es nichts Schwereres gibt, als die Einfachheit dieser beiden Geheimnisse zu begreifen, und zwar so, dass man sie in jeder Beratungssituation ‚einfach‘ leben kann. Dazu muss man sich als Person schon ziemlich gut kennen. Andernfalls kann man seine ‚Gewohnheiten‘ und ‚Überzeugungen‘ und ‚Ängste‘ nicht einfach zur Seite stellen. Und ohne diese Selbstkenntnis, Selbsterfahrung kann man auch nicht von den Gewohnheiten und Überzeugungen seines Gegenübers absehen, um die ‚Person‘ hinter all den Masken und Inszenierungen direkt wahrzunehmen.

SICH ‚ZENTRIEREN‘ KÖNNEN
Seine ‚Gewohnheiten‘ und ‚Überzeugungen‘ und ‚Ängste‘  zur Seite stellen: damit meint für gewöhnlich das, was man auch ‚ ZENTRIEREN‘ nennt, aus seiner Mitte heraus wahrnehmen und intervenieren, d.h. aus dem ‚inneren Schwerpunkt‘, dem ‚Ruhe- und Referenzpunkt‘ des Körpers und der Seele des Beraters und der Beraterin.
Es geht also ums ‚Balancieren Können‘, um das Aufrechterhaltenkönnen des inneren und äußeren  ‚Fließgleichgewichts‘ in Konfliktsituationen. Dazu benötigt man das, was man ‚Selbsterfahrung‘ nennt: wie man in bestimmten Situationen aus das ‚innere Gleichgewicht‘ verliert, man ‚Schlagseite‘ bekommt und damit seinen BeraterInnenaufgaben nicht mehr angemessen nachkommen kann.
Der bewusste Umgang mit Gefühlen und Stimmungen macht emotionale Intelligenz aus.

Die eigenen Emotionen kennen

Durch Selbstwahrnehmung im Stande sein, die eigenen inneren Zustände, Ressourcen und Intuitionen zu erkennen. Zu dieser inneren Selbstreflexion gehört:

  • Sich über seine Gefühle Klarheit zu verschaffen sowie deren Auswirkungen auf das eigene Verhalten zu kennen, d.h. ein emotionales Bewusstsein zu entwickeln.
  • Sich seiner Stärken und Schwächen bewusst zu werden und die eigenen Grenzen zu erfahren, d.h. eine subjektive, zutreffende Selbsteinschätzung vorzunehmen.
  • Ein Gespür für die eigenen Wertigkeit zu bekommen und darüber eine positive Einstellung zu den eigenen Fähigkeiten zu erhalten, d.h. sein Selbstvertrauen zu entwickeln.
  • Essenziell ist unter diesem Punkt die realistische Einschätzung der eigenen Persönlichkeit, also das Erkennen und Verstehen der eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Motive und dem Bewusstsein der persönlichen Stärken und Schwächen.

Den gemeinsamen Kern der erforderlichen kognitiven und emotionalen Intelligenz (d.h. die ‚Synthese’ aller verschiedenen sog. ‚Teil-Intelligenzen’) hat der Philosoph Nietzsche – der von sich selber sagte, ein ‚ Psycholog’ zu sein – schon vor mehr als einem Jahrhundert in folgenden Worten hübsch kurz und treffend zusammen gefasst:

Sehen lernen – dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-herankommen-lassen angewöhnen; das Urtheil hinausschieben, den Einzelfall von allen Seiten umgehn und umfassen lernen. Das ist die erste Vorschulung zur Geistigkeit: auf einen Reiz nicht sofort reagiren, sondern die hemmenden, die abschließenden Instinkte in die Hand bekommen. Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe Das, was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen nennt: das Wesentliche daran ist gerade, nicht »wollen«, die Entscheidung aussetzen können. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht auf dem Unvermögen, einem Reize Widerstand zu leisten: – man muß reagiren, man folgt jedem Impulse.“[2]

Achtsam sein, aufmerksam sein; nicht voreilig schlussfolgern, das Urteil in Schwebe halten können.

Und Franz Kakfa merkte dazu  treffend an (in seinen ‚Aphorismen‘):

„Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.

Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle andern ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren sie nicht zurück. Vielleicht aber gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld. Wegen der Ungeduld sind sie vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück.“

Vergleiche damit auch die Hinweise auf den ‚wissenden Körpers‘ in den östlichen Kampfkünsten:

„Der Clou an der Sache ist der, dass man seine Aufmerksamkeit nicht auf irgendeine Region des Körpers richtet, sondern dass man sie gleichmäßig über den ganzen Körper verteilt, dass man aus der Totalität des eigenen Seins heraus wahrnimmt. Wenn das der Fall ist, dann gebraucht man seine Hände, wenn man sie nötig hat, ebenso die Beine und die Augen, und es wird keine unnötige Energie verbraucht…. Wenn der Geist den ganzen Körper ausfüllt, dann nennt man das ‚die rechte Gesinnung; wenn er selektiv funktioniert, auf bestimmte Zonen konzentriert ist, dann ist man aus dem mentalen Gleichgewicht. Der achtsame (und damit äußerst ‚schlagfertige‘) Geist ist räumlich gleichmäßig  über den ganzen Körper verteilt und hat keine – wie auch immer geartete – ‚Schlagseite‘.“ (3)

Lit.:

[1] Gene Gendlin, ‚Focusing in der Praxis‘, Klett Cotta 1999. Seite 40 ff

[2] Nietzsche, Götzendämmerung, Kapitel 10.6. Siehe auch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6185/10

(3) Daisetz T. Suzuki, Zen and Japanese Culture (Princeton: Princeton University Press, 1959), 107


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